Es ist eine eigenartige Mischung. Einerseits diese fehlende Historizität und dann andererseits, nur ein paar Schritte weiter, diese schauerliche Geschichtshaltigkeit, die den Besucher beim Betrachten der Vitrinen, Filme und Dias erfasst. Dieser Kontrast verleiht dieser Ausstellung im Münchner Literaturhaus eine eindringliche Präsenz.

Durchaus ungewöhnlich ist es, sich mit der 1953 im rumänischen Nitzkydorf geborenen Herta Müller einer lebenden Schriftstellerin zu widmen. Ist doch das Retrospektive, das möglicherweise kritisch Kommentierende von Nachlässen und vergangenen Autorenbiografien das Terrain, auf dem sich Literaturausstellungen für gewöhnlich bewegen. Herta Müller indes ist, seit sie im vergangenen Herbst mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, so etwas wie die Autorin der Stunde, deren Werke noch immer ganz vorn auf den Büchertischen liegen.

Die Aktualität des Anlasses ist aber nur die eine Seite. Das eigentlich Besondere an dieser Schau ist eben jene Durchdringung mit Zeitgeschichte, ohne die weder die Person Herta Müller, vor allem aber auch ihr Schreiben, nicht zu verstehen ist. Müller, die 1987 gemeinsam mit ihrem damaligen Mann Richard Wagner nach West-Berlin ausreisen konnte, war zuvor jahrelang den Schikanen des Ceausescu-Regimes und des Securitate-Geheimdienstes ausgesetzt. Ein Regime, das für Müller die fatale Doppelbedeutung bekam, ihr Schreiben und ihre Existenz als Schriftstellerin gleichzeitig zu initiieren und zu verunmöglichen.

Den Kuratoren Ernest Wichner und Lutz Dittrich gelingt es mit unaufdringlicher Inszenierung und gleichsam auf erschreckend anschauliche Weise zu zeigen, mit welch grausamer Logik und sinnloser Unerbittlichkeit totalitäre Regimes operieren. Neben den taubenblauen Vitrinen, die durch außen aufgedruckte Zitate und Photos aufgelockert werden, und verschiedenen Filmleinwänden, die zugleich den Raum strukturieren, bildet ein gespanntes Drahtseil, das sich über die gesamte Ausstellungsfläche zieht, das wesentliche optische, aber auch inhaltliche Element. Aufgehängt an diesem Draht scheinen die gut 900 Seiten der Akte "CRISTINA" immer wieder beinahe die Köpfe der Besucher zu streifen. Angeblich erst seit 1983 wurde sie über Herta Müller geführt und ihr im vergangenen Jahr schließlich (wenn auch nicht vollständig) zugänglich gemacht.

In den ersten Vitrinen findet man Stationen von Herta Müllers Kindheit in einem kleinen Dorf im schwäbischen Banat, das keine gepflasterten Straßen hatte. Hierhin waren der trunksüchtige Vater aus der Kriegsgefangenschaft, die Mutter nach Jahren aus einem stalinistischen Lager, zurückgekehrt. Der Alltag war von der permanenten Angst vor dem Regime bestimmt. Gespannt wird der Bogen von der "Aktionsgruppe Banat" (der auch Kurator Ernest Wichner, der heutige Leiter des Berliner Literaturhauses, angehörte), über die beginnende Überwachung, Ausreise nach West-Berlin bis zu den Studien, die Müller im Jahr 2004 mit Oskar Pastior in dessen Deportationsorten in der Ukraine machte und aus denen nach Pastiors Tod der Roman Die Atemschaukel entstand.

Abiturfoto von Herta Müller, 1972

Ein unfreiwilliges, nichtsdestotrotz wirkungsträchtiges inszenatorisches Moment erhält die Ausstellung durch die ein wenig museal anmutenden Audioguides, auf denen vor allem Herta Müller selbst zu hören ist, immer wieder mit eigens für die Ausstellung eingesprochenen und gelesenen Texten. Wie übergroße Telefonhörer sehen sie aus, der Ton kommt aus kleinen Lautsprechern, nicht wie üblicherweise aus Kopfhörern. Der Effekt, der entsteht, wenn mehrere Besucher in der Ausstellung sind, ist ein unterschwelliges Gemurmel, das im Raum schwebt und auf unheilvolle Weise ein Überwachungssystem zu illustrieren scheint, das nicht nur Stimmen aufzeichnete und bündelte, sondern das auch eine immerwährende, Verderben bringende Präsenz im Leben jedes einzelnen innehatte.

Immer wieder sind es einzelne Stücke, die zu exemplarischen Zeugnissen nicht nur für die (Schreib-)Biografie Herta Müllers, sondern auch für das 20. Jahrhundert werden. Er müsse sich, liest man etwa auf einer Postkarte, die der Freund Roland Kirsch Ende der achtziger Jahre nach Berlin schrieb, hin und wieder in den Finger beißen, um zu merken, dass er noch am Leben sei. Es ist die letzte, die Müller von dem 28-jährigen Bauingenieur erreichte. Auf dem Audioguide berichtet sie mit zwischen glockenklarer Härte und Brüchigkeit changierenden Stimme, wie sie stets um die Gefahr wusste, mit der der Freund sich mit jeder einzelnen Postkarte, die er in den Westen schickte, begab. Kurz nach dieser Karte wurde Kirsch in seiner Wohnung erhängt aufgefunden.