Wer aus Geldmangel oder einfach des erhabenen Modergeruchs wegen gebrauchte Bücher kauft, kennt die Kritzeleien, die ihre Vorbesitzer mithin hinterlassen haben. Im schönsten Fall sind am Seitenrand literaturkritische Miniaturdiskurse entstanden, in denen etwa ein vom Vorvorbesitzer euphorisches "Schön!" wegradiert und späterhin mit empörtem Kuli durch ein "Kitsch!" ersetzt wurde. Am Zweitschönsten sind Widmungen. Manche erzählen, dass das Buch einmal ein Geschenk gewesen ist – mutmachend: "Liebe Monika, ich wünsche Dir alles Gute für die Kur. Dein Uwe." Oder existenziell: "Damit Du mich endlich besser verstehst. Gruß, Brigitte."

Aber eigentlich sieht's auf den Seiten so aus: unterstrichene Passagen! Akademisches Randgenörgel!  Ein ;-) am Zeilenende! Nachdrückliche Ausrufezeichen! Schlimmer noch: Frage- und Ausrufezeichen?! Dem Erfinder des Textmarkers ist bereits ein Höllenkreis gewidmet für die Buchstaben, die wichtigtuerisch von den Seiten leuchten: Uns solltest Du Dir merken! Soeben litt man noch mit Anna Karenina im Zugabteil, schwupps ruiniert die studentische Anmerkung auf der nächsten Seite mit "HIER Stream of Consciousness!!!" alles Folgende. Jemand war vor uns da. Der Satiriker Max Goldt stellte sich einmal vor, wie es wäre, grüßte aus einer Knut-Hamsun-Novelle plötzlich "Heiko aus Hannover", der dieses Buch auch sehr gerne liest. Man spürt es empfindlich: Lesen ist ein zutiefst ungeselliger Vorgang. Man ist dabei gern allein.

Na schön, ein Heiko wäre ja noch zu verkraften. Aber man stelle sich vor, es stehen 13 Personen plötzlich auf Wörtern und Sätzen herum, ein paar Seiten später 678, und huch: "90.567 Personen gefiel diese Textstelle!" So könnte sie aussehen, die Zukunft des Lesens, die unbestätigten Gerüchten zufolge Ebook heißt und für die sich Amazon Folgendes ausgedacht hat : Wann immer jemand mit dem Kindle-Lesegerät durch ein Buch schnüstert, bekommt er an mancher Stelle mitgeteilt, wie vielen Menschen diese Zeile gefällt. Amazon hält das für einen Service am Leser, der sich nun auf die wichtigen Stellen konzentrieren könne, anstatt, nun ja, 800 Seiten ganz zu lesen.

Wer im Kino die Menschen schätzt, die schon vor den Witzen wissend kichern, der findet so vielleicht neue Freunde. Denn darum geht's ja auch in unserer Informationsgesellschaft: soziale Vernetzung, Dinge gut finden und intensiv empfehlen. Vermutlich werden bald ehrgeizige Algorithmen und Aggregatoren die Bücher durchflöhen und auswerten, was dem Leser am besten gefiel. Diese Bücher in erster Ableitung könnte Amazon wieder verkaufen, und dann unterstreichen die Leser wieder, und dann kommt wieder ein Algorithmus und so weiter, bis am Ende jedes Buch auf eine Seite passt oder in ein Zitat.

Vielleicht ist ja auch das dabei: "Die Literatur ist die angenehmste Art, das Leben zu ignorieren." Das notierte einst Fernando Pessoa. Hm, das macht doch nachdenklich. Falls man verstehen will, was er damit gemeint haben könnte, bietet Amazon glücklicherweise eine Funktion an, die jedem notizbeschwerten Papierbuch weit überlegen ist: Man kann die Anmerkungen auch ausschalten. Und in Ruhe lesen, ganz allein. Schön.

Die ZEIT ONLINE-Redakteurin Tina Klopp sieht das anders.In ihrer Entgegnungschreibt sie: Wer allein lesen wolle, habe nur Angst davor, einer von vielen zu sein.