ZEIT ONLINE: Herr Nevo, Ihr Roman Wir haben noch das ganze Leben spielt in den Jahren 1998 bis 2002, als in Israel die Zweite Intifada tobte. Fast täglich kam es zu blutigen Auseinandersetzungen, Bomben und Toten. Die Gewalt spielt in ihrem Buch aber kaum eine Rolle. Aus der deutschen Perspektive ist es schwer vorstellbar, dass israelischer Alltag so aussieht.

Eshkol Nevo: Ich glaube, dieser Roman ist eine ehrliche Reflexion dessen, welche Rolle die Politik im Alltag der Israelis spielt. Die Fragen, mit denen ich mich beschäftige sind Freundschaft, Wünsche und Veränderungen. Er spielt zu einer spezifischen Zeit und an einem spezifischen Ort in Israel, in Tel Aviv und Haifa. Die Gewalt spielt nur im Hintergrund eine Rolle. Das Buch versucht so zu tun, als sei Israel ein ganz normaler Ort. Natürlich ist er das nicht.

ZEIT ONLINE: Es gibt Leute, die behaupten, die Einwohner von Tel Aviv würden wie unter einer Glocke leben, in ihrer eigenen Welt.

Nevo: Es ist viel einfacher, so zu tun, als ob man ein normales Leben lebt, wenn man in Tel Aviv zu Hause ist. In Jerusalem würde das nicht funktionieren. Es handelt sich aber um den generellen psychologischen Status, in dem Israel sich befindet: Israelis leben mit verdrängten Problemen. Die Verdrängung ist ein gesunder psychologischer Mechanismus. Man braucht ihn zum Leben. Es ist unmöglich, sich ständig darüber im Klaren zu sein, was um einen herum passiert.

ZEIT ONLINE: Die vier männlichen Hauptcharaktere sind zu Beginn des Romans alle 28 Jahre alt. Sie wissen nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Warum sind sie so ziellos?

Nevo: Die Generation meiner Eltern ging ganz anders damit um, was man in seinem Leben erreichen wollte. Man wollte für das Land arbeiten, für das Land kämpfen und den Zionismus umsetzen. Meine Generation agiert anders. Auch ich hänge sehr an meinem Land und ich könnte mir nicht vorstellen, woanders zu leben. Aber meine Wünsche sind nicht national. Jeder Mensch muss einen eigenen Sinn für sein Leben finden. Israeli zu sein bedeutet ja nicht, schon einen Lebenssinn zu haben.

ZEIT ONLINE: Es ist also auch ein Roman über das Erwachsenwerden?

Nevo: Ja, es ist ein Buch über das Ende der Jugend. In der heutigen Zeit fragt man sich allerdings nicht nur mit 28 Jahren warum man morgens die Augen öffnet. Das ganze Leben lang wird man mit diesen Fragen konfrontiert: Was sind meine Wünsche, meine Träume. Wie soll mein Leben aussehen. Selbst meine Eltern, die eben in Rente gegangen sind, stellen sich solche Fragen. In diesem Sinne wird man nie erwachsen, man sucht immer nach einem neuen Sinn, den man seinem Leben geben will.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen bei dieser Sinnsuche die Wünsche? Die vier Freunde setzen sich am Ende der Weltmeisterschaft 1998 zusammen und schreiben jeweils ihre drei wichtigsten Wünsche auf. Vier Jahre später wollen sie nachschauen, was daraus geworden ist. Brauchen sie die Wünsche, um einen Weg zu finden?

Nevo: Ich glaube es gibt, verkürzt gesagt, eine Konfrontation zwischen der amerikanischen Art zu denken, "Ich schreibe mein Wünsche auf und dann setze ich alles daran, sie zu erreichen", und dem Taoismus, demnach sich alles in einem Fluss befindet und die Dinge einfach geschehen. Die vier Freunde schreiben zwar ihre Wünsche auf, werden sich aber schließlich darüber bewusst, dass die Wünsche, die sie hatten, nicht mehr wichtig sind. Und dass ganz andere Dinge eingetreten sind.