Auf den Klagenfurter Tagen der deutschsprachigen Literatur ist es in den vergangenen Jahren zugegangen wie bei der deutschen Fußballnationalmannschaft zu Beginn des Jahrzehnts: Ein Tiefpunkt und noch ein Tiefpunkt und noch ein Tiefpunkt. Die eifrigen Verteidiger des Bewerbs, wie das Wettlesen vor Ort genannt wird, können, wie es sich gehört, in bester Rudi-Völler-Manier "diesen Scheiß nicht mehr hören". Der Bewerb ist zumindest nach wie vor da. Auch wenn er in diesem Jahr wieder einen neuen Tiefpunkt gebracht hat. Oder, wie DuMont-Verleger Jo Lendle formulierte, man sich in diesem Jahr des Öfteren gewünscht hätte, woanders zu sein als bei den Lesungen um den Bachmannpreis.

Es ist ja nicht nur der Hauptpreis, der zu vergeben ist – insgesamt vier Auszeichnungen müssen unter 14 Autoren aufgeteilt werden; hinzu kommt der Publikumspreis. Eindeutig zuviel. Das Gute an diesem Klagenfurter Jahr: Unter den Beiträgen waren ohnehin nur maximal vier preiswürdige Texte. Erfreulicherweise hat das auch die Jury bemerkt (die allerdings auch für die Auswahl der restlichen, zum Teil grotesk schwachen Texte verantwortlich zeichnet).

Der Bachmannpreis 2010 ging an den 1954 in Rostock geborenen Peter Wawerzinek , der sich wohltuend von den zahlreich angetretenen braven Schreibschulabsolventenstrebern abhob, weil er, wie sofort zu bemerken war, nicht nur über eine gesättigte Lebenserfahrung verfügt, sondern auch weiß, wie er literarisch damit umzugehen hat. Der Siegertext, ein Auszug aus dem im August erscheinenden Roman Rabenliebe , ist die atmosphärisch bedrückende Geschichte einer verlorenen Kindheit in der DDR, intertextuell abgefedert und absolut sicher erzählt. Dass in diesem Fall etwas anders war als bei allen anderen, war deutlich und weithin spürbar, weswegen Wawerzinek auch den per Internetabstimmung vergebenen Publikumspreis gewann.

In ein ähnliches Ambiente, die DDR der sechziger Jahre, ist auch Judith Zanders Wettbewerbsbeitrag eingebettet, für den sie den 3sat-Preis erhielt. Zander las einen Auszug aus ihrem Roman Dinge, die wir heute sagten , und sie las fürchterlich schlecht. Und obwohl auch der Jury-Vorsitzende Burkhard Spinnen in seinem Schlusswort betonte, wie wichtig der Vortrag selbst in Klagenfurt sei – letztendlich kam man, gemessen an der Konkurrenz, wohl auch an Judith Zander nicht vorbei. Die beiden anderen Preise vergab die Jury an die junge Schweizerin Dorothee Elmiger (Kelag-Preis) und an Aleks Scholz (Ernst Willner-Preis). Elmiger überraschte viele mit einem Auszug aus ihrem Roman Einladung an die Waghalsigen , der beim bloßen Zuhören in viele unverständliche Partikel zerfiel, während eine zweite Lektüre durchaus die kunstvolle Motivstrukturierung erkennen lässt, auch wenn man sich fragt, wohin all das auf der Prosa-Langstrecke führen soll.

Aleks Scholz ist ein Spezialfall: Redaktionsmitglied der Website riesenmaschine.de, die den Klagenfurter Wettbewerb seit Jahren beobachtet, akribisch analysiert und mit dem Gewinn des Bachmannpreises durch Kathrin Passig im Jahr 2006 bereits einen Coup landete. Ist das die Entlarvung des Wettbewerbs, seine Preisgabe an die Lächerlichkeit oder seine Fortführung auf 2.0 Meta-Ebene? Scholz’ Text google.earth jedenfalls kann zumindest für sich reklamieren, eine neue Erzählperspektive erfunden zu haben: einen sattelitengestützten, überauktorialen Blick auf einen Nachbarschaftsstreit.

Klagenfurt war auch stets der Ort für bizarre Auftritte, und einen davon gab es dann doch noch am letzten Lesetag und ganz zum Schluss: Die als Favoritin gestartete Österreicherin Verena Rossbacher, deren Debütroman Verlangen nach Drachen im vergangenen Jahr gefeiert wurde, bewegte sich, um es vorsichtig zu formulieren, während ihrer Lesung dicht an verschiedenen Grenzen. Man mochte ihr währenddessen gar nicht mehr ins Gesicht schauen, ganz davon abgesehen, dass ihr Text nicht zu verstehen war. Einige forderten ernsthaft einen Preis für Rossbacher. Es muss sehr heiß gewesen sein in Klagenfurt in den vergangenen Tagen.

Immerhin fand Jurorin Meike Feßmann in diesem Fall die richtigen, nämlich deutliche Worte, während die gesamte Jury es in anderen Fällen vorzog, zu schwachen Texten geradezu beleidigt und griesgrämig zu schweigen, anstatt sich einer dringend notwendigen ästhetischen Diskussion über die schließlich selbst ausgewählten Bewerbsbeiträge zu stellen. Selten hörte man einmal eine brennende, leidenschaftliche oder gar polemische Verteidigungsrede; zu einem richtigen Streit langte es bedauerlicherweise auch nicht. Und die bestechende Intellektualität von Jury-Neumitglied Hubert Winkels wirkte angesichts des Niveaus nicht selten wie eine Adorno-Kanone, mit der man auf Zeitgeist-Spatzen zielt. Wie froh durfte man da sein, um in der Rudi-Völler-Metaphorik zu bleiben, in Waldemar Hartmann-Manier mit einem Weizenbier in der Hand all das in Ruhe an sich vorbeiziehen zu lassen. Oder einfach umzuschalten. Ein Tiefpunkt und noch ein Tiefpunkt.

Immerhin – Klagenfurt scheint doch noch auf eine vertrackte Weise attraktiv zu sein. Exakt 30 Minuten nach der Preisverleihung am Sonntag kam eine SMS von Dorothee Elmigers Verleger Jo Lendle an: "Dorothee Elmigers Debütroman Einladung an die Waghalsigen , dessen Ausschnitt in Klagenfurt neben dem zweiten Preis auch den Preis der Riesenmaschine gewann, wird vorzeitig bereits am morgigen Montag ausgeliefert." Das ging ja blitzschnell. Ein neuer Rekord, immerhin das.