Kurzprosa und Miniaturen beweisen immer wieder, dass die Ausdrucksstärke eines Textes nichts mit der Anzahl seiner Seiten zu tun haben muss. Sie zwingen ihre Leser oft intensiver den Blick auf den Brennpunkt einer Begebenheit zu lenken, als Romane dies tun. Der Poet im betäubten Zustand nutzt die kleine Form und mischt hierin den Schlamm (un-)menschlicher Erfahrungen mit Handfestem.

Einen skurrilen und zarten Band mit Prosaminiaturen legt Werner Grabher, Leiter des Vorarlberger Kulturamts, vor: Nebenschauplätze ist der Titel des 112-seitigen Buches. Eingeleitet wird der Band mit einem Jim-Jarmusch-Zitat, das wohl auch die Erzählhaltung Grabhers verdeutlicht: "Ich würde lieber einen Film über jemanden machen, der seinen Hund ausführt, als über den Kaiser von China."

In den 20 Miniaturen legt Grabher daher das Augenmerk auf scheinbar beiläufige Ereignisse, in denen Tiere im Mittelpunkt stehen, die dem Betrachter im normalen Alltag oft entgehen. Bei der Schilderung eines Fahrradunfalls zum Beispiel kümmert sich der Autor nicht besonders um den gestürzten Lenker des Drahtesels, sondern um einen Marienkäfer, der auf der Klingel sitzt, dort vom Deckel eingeklemmt wird, zappelt und durch einen plötzlichen Schlag wieder frei ist. Diese Verschiebungen lindern die Betrachtung dessen, was der Mensch zu wichtig nimmt: sich selbst nämlich.

Meisterhaft erzählt ist die Prosaminiatur Die Möwe , in der auf 38 Zeilen die irritierenden Wirkungen der Sprache auf die Projektionsebenen der Lesenden vorgeführt werden. Zwischen dem Weiß im Auge, einer Möwe, einem Notizblatt, Segelbooten und einem Kinderwagen ergeben sich schöne Irrungen und Überblendungen. In "Die Schnecke" errichtet ein Mann aus Sorge um seine geliebten Dahlien nach erfolglosen Versuchen mit Gift, eine "Südfront", in dem er ein in die Erde gegrabenes Blechband unter Strom setzt und die Schnecken in seinem Garten tötet. Mit einem Schlauch spritzt er die Tiere in ein Rohr bis an die "Südfront" zu einem Kadaverberg.

In einer anderen Miniatur wird ein Apollofalter anvisiert, der sitzt als Tätowierung auf dem linken Oberarm von Alex, dem Kokosnussverkäufer, der am Strand nur rückwärts läuft, um seine Muskeln zu stählen. Ein Vulkanausbruch vernichtete dessen Familie, löschte seine Heimat und Identität aus. Der Falter soll ihn vor weiteren Katastrophen bewahren. Dann aber flüchtet Alex zum tiefsten See der Erde. All diese Begebenheiten zeugen von subtilen Dimensionsverschiebungen und Umdeutungen. Die Texte kommen ohne moralischen Fingerzeig aus – was sie leicht wirken lässt, obwohl sie schweres Schicksal transportieren. Charmant-anarchische Illustrationen von Tone Fink ergänzen die Geschichten vortrefflich.

Wenn Eineindeutiges nicht geheuer ist und man in den Zwischenräumen von Andeutungen Überraschungen entdeckt, fühlt man sich als Lesender herausgefordert, den Dingen nachzugehen, um für sich selbst etwas aufzuklären. Bjarte Breiteig, geboren 1974 im norwegischen Kristiansund, lebt in Oslo und hat drei Bücher in seiner Heimatsprache veröffentlicht. Von nun an ist eine Sammlung von Erzählungen, die sprachlich aufs Notwendigste reduziert sind, bis aufs Innerste. Diese Texte setzen unmerklich Widerhaken und machen die Lesenden zu Detektiven psychischer Prozesse. Da trifft ein Ich-Erzähler, der mit dem Zug zum Krankenhaus fährt und Schlimmes zu erwarten hat, einen Klassenkameraden aus der Vergangenheit. Dieser wird Knirps genannt.