Meist waren es kurze Meldungen. Manche stellten die rhetorische Frage: Hat das Ende des gedruckten Buchs begonnen? Die Zahlen, die Amazon jüngst mit medialem Theaterdonner veröffentlichte, lassen zumindest aufhorchen. Auf 100 gebundene Bücher hat der Online-Händler in den vergangenen drei Monaten 143 digitale verkauft, im vergangenen Monat sogar 180. Gezählt wurden nur die E-Books, die auch kosten, und auf Amazon verfügbar sind – derzeit rund 630.000.

Nicht hinzugerechnet werden die sogenannten gemeinfreien Werke, deren Urheberrechte abgelaufen sind. Von ihnen gibt es in der Datenbank des Online-Händlers rund zwei Millionen, bisweilen bekommen die Kunden diese E-Books beim Kauf eines Kindle-Lesegeräts gratis dazu. Der Kindle, das ist eigentlich die Erfolgsgeschichte, die Amazon nicht müde wird zu erzählen. Seit Apples iPad vor drei Monaten die Welt verzückte, ist der Kindle billiger zu haben, beworben wird er mit dem Siegel "bestverkauftes Produkt bei Amazon". Also, die Anzeichen sind da. Was ist nun mit dem papierenen Buch, zu dessen Grab man seit einigen Jahren stets aufs Neue geführt wird?

Erstmal: nichts. Wiewohl die Zahlen zunächst beeindruckend sind – vom Niedergang des gedruckten Buchs, wie ihn die New York Times schon ahnt, kann keine Rede sein. Dass Amazon digitale Bücher mittlerweile besser verkauft als gebundene, hat andere Gründe. Dazu lohnt der Blick auf die Bestsellerlisten des Händlers. Während sich bei den herkömmlichen Büchern unter den ersten zwanzig nahezu ausnahmslos Neuerscheinungen der vergangenen Monate finden, liest sich die Rangliste der E-Books schnell wie eine gehobene Gemischtwarenauslage der Weltliteratur: Pride & Prejudice steht neben Sherlock Holmes , Anna Karenina neben Alice im Wunderland . Gute Bücher, zweifellos. Allerdings in diesen Ausgaben auch weit billiger als die Neuerscheinungen.

Das legt nahe, dass sich hier die Neugier eines Kindle-Käufers spiegelt, der sein neues Gerät mit günstigen Büchern belädt, um es erst einmal auszuprobieren. Der Anstieg der E-Book-Verkäufe korreliert interessanterweise mit der Vergünstigung des Kindles. Verlässlich werden die Zahlen erst, wenn sich das Kaufverhalten normalisiert hat. Zumal Amazon auch vom Hype um das iPad profitiert: Mit entsprechenden Programmen sind die Bücher für den Kindle auch auf Apples Gerät lesbar. Runterladen indes kann man sie nur bei Amazon selbst.

Außerdem: Das E-Book verdrängt das gedruckte Buch auch bei Amazon noch lange nicht. Der Online-Händler hat nämlich zuletzt nicht nur mehr E-Books verkauft, sondern auch mehr Hardcover. Die Taschenbuchverkäufe sind noch immer weitaus höher als die Digitalen. Ohnehin mag Amazon zwar der größte Online-Buchhändler sein, aussagekräftig sind aber nur die Zahlen des gesamten Buchhandels. Amazons Anziehungskraft auf sogenannte "Early Adopter" neuer Lesetechnologien ist nach Ansicht des Wall Street Journal stärker als anderswo. Die Erfolgsmeldung des Konzerns könnte man auch als Akt der Selbstbehauptung sehen gegen eine stärker werdende Konkurrenz: Apples Steve Jobs hat jüngst verkündet, der iBook-Store habe mittlerweile 20 Prozent Anteil am Markt. Selbst das hat das gedruckte Buch bislang nicht erschüttert.