Heikles Thema. Sämtliche Fachkräfte der Republik waren an dieser Sache dran. Politikredakteure, Gesellschaftsfeuilletonisten und Haarabschneider brachte sie um ihren verdienten Schlaf: Wie macht Karl-Theodor zu Guttenberg das mit seiner Frisur? Beziehungsweise wieso. Knapp anderthalb Jahre später wissen wir mehr. "Guttenberg hat von Natur aus eine unbändige Lockenmähne, die sich nur mit Gel einigermaßen disziplinieren lässt." So steht's auf Seite 60 der ersten Biografie über den "Aristokraten, Polit-Star, Minister", die Anna von Bayern geschrieben hat, ihrerseits Angestellte der Bild am Sonntag , ebenfalls von Geblüt.

Biografie? Jetzt schon? Klingt verwegen. Allerdings: Wenn nicht jetzt, wann dann? Was Anna von Bayern nämlich im Sinn hat, ist keine ausgewogene Auseinandersetzung mit der Politik des Ministers. "Was steckt hinter dem Popstar der deutschen Politik?", fragt sie zu Beginn, und wer weiß, wie lange das noch über Guttenberg geschrieben werden kann. Das Buch trifft zumindest den Nerv der Zeit. An einen "ziemlich jungen Spitzenpolitiker", der "als Gegenentwurf zur derzeit herrschenden Generation der Politfunktionäre gelten darf" wolle sie sich annähern, schreibt sie. Dann wird's gar zudringlich: "Warum er im Wahlkampf dreimal am Tag das Hemd wechselt und Raststättenklos ohne Drehkreuz bevorzugt." Der Gestus, mit dem sie dem Minister hier auf die Pelle rückt, ist programmatisch für das gesamte Buch. Hier schreibt der Fan.

Und so begleitet man den Minister durch sämtliche Stationen seiner recht jungen politischen Karriere. Er peterscholllatourt durchs Krisengebiet. Sitzt in afghanischer Schwüle auf glitschigen Ledersesseln und macht Politik. Geschichten aus dem Wahlkampf kennt Anna von Bayern zur Genüge. Die frühen Phasen, als der junge Baron noch Bierkisten auf Feiern der Jungen Union schleppte. Discobesuche mit Guttenberg als Technokenner. Wie er seine Gattin ("universal einsatzfähig und geländegängig") kennenlernt. Wie er Henry Kissinger beeindruckt. Und ja, die beiden Sternstunden seines Wirkens finden ausreichend Platz auf den 220 Seiten: Das "Krieg" zum Krieg und das "Nein" zur Opelrettung mitsamt Rücktrittsdrohung, die die Autorin "potenziell heldenhaft" findet. In all diesen Episoden will sie erkannt haben: Haltung und Demut und Manieren. Guttenberg, schreibt sie, ist "ein Aufsteiger von Oben."

Oben ist ganz wichtig. Oben heißt Herkunft, und die des Ministers ist Anna von Bayern Erklärung für so ziemlich alles. Besenreine Kinderstube. Ohne "pubertäre Revoluzzerphasen". Klavierstunden mit Drei, guck an. Dem Kapitel über Guttenbergs Jugend stellt die Autorin voran, "verzweifelte Eltern" sollten die folgenden Zeilen wegen Neidgefahr überspringen. Eine Geschichte ohne Abgründe, höchstens mal ein Schlagloch, "als der Familienhund den grünen Papagei fraß, den der Minister als Elfjähriger zu Weihnachten bekommen hatte". Die Verwurzelung im Frankenwald mit allen Astgabeln nütze ihm noch heute – ob bei (bisweilen trefflich beschriebenen) internen Scharmützeln der CSU oder beim Dinner mit Tom Cruise, wo man "durchaus auch sehr kritisch" über Scientology sprach.

Damit solche Anekdoten nicht versehentlich für Rafaellowerbung gehalten werden, streut Anna von Bayern bisweilen etwas Spaßbeiseite zwischen die Zeilen. Schuhe: selbst geputzt! Maßanzüge: Vorurteil! Fotos: alles Schnappschüsse! Frau: fährt VW Polo. Gleichermaßen gilt für Politik wie fürs Schuheputzen: "Er war schon vorher wer und wird es auch nachher wieder sein."

Dass sich die Autorin auf die Genealogie des Ministers besinnt und es damit gut sein lässt, kann man als adlige Erbauungsprosa durchgehen lassen. Ins Hagiografische aber kippt das Buch, wenn es den schnöden Bierzeltauftritt noch weihevoll umorgelt: "Für einen Moment ist der Politiker in der Wahrnehmung vom Hoffnungsträger zum Heilsbringer geworden. Dem Heilsbringer streckt man Kinder entgegen – oder Kranke, als ob er sie heilen könnte. Das haben Menschen mit den von ihnen selbst stilisierten Personen nicht erst seit dem Mittelalter getan." An solchen Stellen lässt Anna von Bayern jenes Understatement fahren, das sie an Guttenberg zehn Kapitel lang bestaunt.

Das Buch, berichtet die Autorin, stieß beim Minister selbst "auf wenig Begeisterung". Und was sollte er auch davon halten, wenn er lesen muss, es ginge ihm "nicht um präzisen Inhalt, es geht um Präsenz, seine visuelle Kontinuität". Was zumindest den Umfang der angefügten Fotos erklärt, aber ansonsten heißt: Hauptsache oft im Fernsehen. Das Tröstliche dürfte sein, dass man Guttenberg dieses Buch nun wirklich nicht vorwerfen kann. Auch nicht die Sache mit den drei Hemden pro Wahlkampftag. Es ist nämlich so: Er schwitzt.