Vor dem Auge der Zensur steht alles unter Verdacht; jede Metapher, jede Figur, jede Szene. Vor allem Romanszenen, in denen ein Bett vorkommt. Denn von diesem Möbelstück ist es womöglich bis zur Unzucht nicht weit. Deshalb muss das Bett nach dem Willen des Zensors aus dem Roman verschwinden und die Teheraner Studentin Sara mit ihrem Laptop auf einen Stuhl umziehen. Zwar darf sie sich eine Sonnenbrille der Marke Ray Ban kaufen. Dagegen hat der Zensor nichts. Aber der Gedanke des Brillenverkäufers, so "verführerische" Augen sollten eigentlich nicht hinter dunklen Gläsern verschwinden, passt dem Zensor nicht. Er streicht das Wort "verführerisch". In einem Liebesroman, der in der Gegenwart Irans spielt, steht dieses Wort, egal in welchem Kontext es auftaucht, ob es Blumendüfte, Lebensmittel oder Frauenaugen beschreibt, auf der Alarmskala des zensorischen Verdachts weit oben.

Aber auch wir, die westlichen Leser, stehen offenbar unter Verdacht, zumindest unter Beobachtung. Denn der Erzähler des Romans Eine iranische Liebesgeschichte zensieren von Shahriar Mandanipur spricht uns gelegentlich aus dem Text heraus direkt an. Er belustigt sich über unsere Vorstellungen: "Sie fragen, ob es im Iran Internetcafés gibt? Selbstverständlich gibt es die! Welches Bild haben Sie vom Iran?", und hilft uns auf die Sprünge, wenn er den Eindruck hat, wir verlören ob der Fülle seiner Anspielungen auf Werke der Weltliteratur und des Weltkinos den Überblick: Jacques Derrida, Paul Auster, Bernardo Bertolucci, um nur einen winzigen Ausschnitt aus dem internationalen Kulturkosmos zu nennen, in dem Roman und Erzähler sich bewegen.

Eine iranische Liebesgeschichte zensieren ist ein Experiment. Am ehesten ließe es sich als literarische Performance bezeichnen. Eine Performance, die alles, woraus ein Text besteht und womit er in Berührung kommt – Plot und Sprache, Figuren und Leser –, in Material des Zensurvorgangs verwandelt. Das heißt: Der Erzähler entwickelt einerseits eine Liebesgeschichte, die Geschichte der Teheraner Studentin Sara und des arbeitslosen Filmwissenschaftlers Dara, was kein leichtes Unterfangen ist in einem Land, in dem die beiden jungen Leute auf der Straße nicht einmal Blickkontakt aufnehmen dürfen. In der Anfangsphase ihrer Bekanntschaft verständigen sich Sara und Dara, ohne je ein Wort gewechselt zu haben, mit einem Geheimcode. Dara setzt in Büchern, die Sara aus der Bibliothek ausleiht, Punkte unter Buchstaben, die zusammengesetzt seine Briefe ergeben. Sara antwortet ihm mit Punkten. Von dieser altertümlichen stillen Post gehen sie nach einer Weile zum Mailen und Chatten über. Ihr erster persönlicher Kontakt findet bei einer Studentendemonstration vor dem Haupteingang der Teheraner Universität statt. Dara muss Sara jetzt ganz einfach ansprechen, er muss sie aus einer Gefahr retten. Denn Sara, die am Rand der Unruhen steht und ein Schild mit der völlig paradoxen Aufschrift "Nieder mit der Freiheit. Nieder mit der Knechtschaft" hochhält, ist im Visier der Bereitschaftspolizei. Aber da ist noch jemand, der die Szene im Visier hat, der Zensor.

Denn als solcher betätigt sich der Erzähler andererseits, gleichsam in einer Nebenrolle. Er greift aus dem Off heraus in den eigenen Roman ein, verwirft die Handlung und streicht ganze Passagen. Was er streicht, ist im Romantext mit einem schwarzen Strich überzeichnet. Das liest sich ziemlich turbulent und wird noch turbulenter durch den typografischen Wechsel von Fett- und Normaldruck und das beständige Umschalten zwischen den Erzählperspektiven und Erzählstimmen.

Dass ein solcher Roman auf Irritation und Überrumpelung zielt, versteht sich von selbst. Der iranische Schriftsteller Shahriar Mandanipur, 1957 in Schiras geboren, zählt zu den bedeutendsten Gegenwartsautoren seines Heimatlandes. Seit vier Jahren lebt er in Amerika und lehrt als Gastdozent in Harvard. Dass er diesen Roman – die erste seiner literarischen Arbeiten, die im Westen erscheint – als subversive Aktion anlegt, ist von der ersten Seite an spürbar. Verglichen mit dem 2005 auf Deutsch erschienenen Erfolgsroman Lolita lesen in Teheran der iranischen Schriftstellerin Azar Nafisi, die ebenfalls, aber auf weit konventionellere Weise Lese- und Schreibverbote ihres Landes attackiert, wirkt Eine iranische Liebesgeschichte zensieren geradezu wie ein Guerilla-Angriff. Mandanipur begnügt sich nicht mit Machtkritik. Er hebelt die Macht der Zensur aus, indem er ihr Spiel spielt, ihre Position einnimmt und sie von da aus zur Lachnummer verbiegt. Denn Eine iranische Liebesgeschichte zensieren ist vor allem eins: ein hochkomischer Roman, der seine Witze und Einfälle auf provozierend gelassene Weise vorträgt. Der Aufwand an methodischer Komplexität, der die Lektüre solcher Romane bekanntlich in eine literaturwissenschaftliche Strafarbeit verwandeln kann, wird durch Mandanipurs Vorrat an Blödeleien leichthändig kompensiert. Der Schriftsteller Shahriar Mandanipur, der ein Jahrzehnt lang die Literaturzeitschrift Asre Pandjshanbeh ("Donnerstagabend") leitete, bis sie 2009 aus politischen Gründen eingestellt wurde, kennt die Zensur aus eigener, langer und leidvoller Erfahrung. Das schleift Ironie und Sarkasmus zu scharfen Klingen.

Der komischste Vogel im ganzen Roman ist ein gewisser Herr Petrowitsch, von Beruf Zensor. Im Ministerium für Kultur und Islamische Leitung bewacht und beeinflusst er die literarischen Werke des Landes. Ein dogmatisch-paranoider Pappenheimer, wie Diktaturen sie hervorbringen. Die zähen, absurden Auseinandersetzungen zwischen Herrn Petrowitsch und einer weiteren Romanfigur, einem Schriftsteller mit dem Namen Shahriar Mandanipur, schlängeln sich durch die Liebesgeschichte von Sara und Dara. Man merkt schnell, dass die Identitäten in diesem Erzählnetz nebulös verschwimmen – weder Autor und Erzähler noch Petrowitsch und die Zensorstimme des Erzählers lassen sich eindeutig unterscheiden – und man ahnt, auf welche Klamotte die ganze Zensurperformance hinausläuft. Herr Petrowitsch verliebt sich in Sara. Er hat schon deshalb ein starkes Interesse daran, sie im Roman von Männern fernzuhalten.

"Petrowitsch sagt: ›Bitte entfernen Sie Sara aus dem Haus dieses geilen Bocks. Schicken Sie sie heim! Ich selbst werde Sindbad zum Bleistifteinkauf nach China senden.‹ – ›Aber mein Herr, das geht doch nicht! Was wird aus meinem Plot?‹ – ›Dann verbiete ich Ihnen zumindest, Daras Hand die Berührung Saras zu gestatten.‹ – ›Mein Herr, selbst wenn ich es wollte, könnte dieser ungeschickte, völlig konfuse Dara ihr nicht das Geringste antun. Bestimmt will er ihr jetzt wieder stundenlang erzählen, wie er vor ein paar Tagen eine Fassade türkis angestrichen hat…‹"