Der freien Zeit im Urlaub begegnet man am Besten mit einem Buch. Gleich mehreren. Einem ganzen Stapel. Und da fängt’s an: Ratlos steht der Abreisebereite vor den Regalen, vor den Auslagen an der Buchladenkasse, überwältigt von der Fülle an Romanen und Erzählungen, diesen ganzen Seiten! Redakteure von ZEIT ONLINE und der ZEIT haben Ihnen deswegen eine kleine Vorschlagsliste zusammengestellt. Die herzerwärmende Liebesgeschichte ist ebenso dabei wie der ausgeruhte Familienroman, der Historienschmöker, die durchgeknallte Satire. Für den Strand und den Berg, für den Balkon und das Hotelzimmer, für die zähen Flugstunden und jene im hoffentlich klimatisierten Zug. Wir wünschen Ihnen einen schönen Urlaub und eine gute Lektüre.

Zeitlose Liebe

Eine Liebesgeschichte, die komplett unrealistisch ist. Na toll. Wieso man sich Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger dennoch in den Koffer packen sollte: Weil der Roman zum Weinen schön ist. Durch einen genialen Kniff – ja, der Titel ist wörtlich zu nehmen – schafft es die Autorin, den Zauber der Liebe aus einem ganz neuen Blickwinkel zu betrachten. Nebenbei wirft das Buch dann noch die Frage auf, wie weitreichend die Konsequenzen unseres Handels im Hier und Jetzt sind. Jede Liebe ist einzigartig. Diese hier ganz sicher. Wunderbar, wenn man daran in ruhigen Urlaubsstunden teilhaben kann. (Wenke Husmann, Ressortleiterin Kultur)

Audrey Niffenegger: "Die Frau des Zeitreisenden", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005, 544 S., 9.95 €


Deutschland – ein, ähm, Märchen

Ordentlich was los auf diesen Seiten! Frankfurt wird zum Märchenwald: bevölkert von Bob-Seger-singenden Hunden, einem terroristisch ambitionierten, bis in alle Löcher bewaffneten Käsestück, dem Ungeheuer Sumsilatipak (auch von hinten zu lesen!) und so mancher Fürchterlichkeit mehr. Ja, was ist denn hier passiert? Die Politik hat Deutschland zugepfropft, umgestülpt, jetzt ist Chaos. Vorsintflut. Meine Güte. Nur Rosalie Vollfenster und ihr Freund Hendrik können diese Welt wieder ins Reine bringen mithilfe eines allwissenden Plüschhasen, des letzten Zuspätkommunisten und eines kampfeslustigen Kunstwerks namens Ohne Titel . So geht’s zu in Dietmar Daths sprachbesoffener Geschichte von der Rettung Deutschlands. Comic und Heldenroman zugleich, Groteske und Systemkritik. Im Grunde alles, was einen Urlaub erst schön macht. Von Daths Artistik kann einem der Kopf rauchen. Schwindelerregende Satzbauten, die vor Geistesblitzen leuchten. Das Fremdwörterbuch sei dazu bisweilen empfohlen. Dieses Buch aber unbedingt. Dringend. (David Hugendick, Redakteur Literatur)

Dietmar Dath: "Deutschland macht dicht", Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 201 S., 17,80 €

 Hans Waal, T. C. Boyle, Barbara Kingsolver

Nazis im Keller

Was würden wohl vier alte Nazis sagen, zur Bundesrepublik im Jahre 2004? Fragen wir Fritz, Otto, Josef und Konrad. Sie haben die letzten 60 Jahre in einem Bunker verbracht, irgendwo in der brandenburgischen Pampa. Weil ihr Dosenöffner zerbricht, beschließen sie, sich ihrem Befehl zu widersetzen. Schwer bewaffnet verlassen sie ihr unterirdisches Quartier und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nicht nur an Autos, Handys und Kameras müssen sie sich erst mal gewöhnen. Auch dass die wenigen, die noch an den Führer glauben, unterbelichtete Glatzköpfe sind, wundert sie. Was haben die gegen Türken, das sind doch Verbündete? Und was würden die Deutschen aus dem Jahr 2004 zu dieser greisen SS-Combo sagen? Wären sie hasserfüllt? Hätten Sie Mitleid? Hielten sie sie für eine politische Bedrohung? Vermutlich würde sie unterschiedlich reagieren, je nach Generation und sozialer Funktion. Etwa so wie Gerd, der Alt-68er-Kameramann, oder wie Eveline, die toughe BKA-Ermittlerin, oder wie Benny, der Aushilfs-DJ. Alle sind mehr oder weniger links, dennoch haben sie einen anderen Blick auf Vergangenheit und Gegenwart. Hans Waal zeigt diese verschiedenen Perspektiven. Sein Roman Die Nachhut ist irrwitzig skurril, unterhaltsam und klug. Manchmal auch geschmacklos und etwas platt. Aber das kann er verkraften. (Michael Schlieben, Redakteur Politik)

Hans Waal: "Die Nachhut", Aufbau Verlag, Berlin 2009, 336 S., 8,95


Boyle, ganz zahm

Ein Tier oder ein Mensch? Das Kind, das 1797 in den Wäldern von Südfrankreich gefangen wird, ist völlig verwahrlost. Es hat offenbar keine Empfindungen, kann nicht sprechen. T.C. Boyle hat sich in seiner Erzählung Das wilde Kind der Geschichte des Wolfskinds Victor von Aveyron angenommen. Auf 100 kurzweiligen Seiten schildert Boyle, anders als sonst gänzlich zahm, wie die Gelehrten im Frankreich des 18. Jahrhunderts aus dem Kasper-Hauser-Wesen einen Mensch zu machen versuchen und letztlich daran scheitern. Die Frage, wie viel Zivilisation einen Menschen ausmacht, bleibt unbeantwortet. Dafür kommt der Leser in den Genuss, einen nüchternen T.C. Boyle zu lesen, der es dennoch schafft, den Leser bis zum Schluss bei der packenden Story zu halten. (Tina Groll, Redakteurin Karriere)

T.C. Boyle: "Das wilde Kind". Hanser-Verlag, München 2010. 106 S., 12,90 €


Gelebte Geschichte

Weil die Mutter ihm nicht zuhört und sein Vater weit weg ist, wird Harrison Shepherd zum Chronist seines eigenen Lebens – noch bevor er zum ersten Mal eine Schule besucht. Er beginnt, die Ereignisse seiner Kindheit in Mexiko akribisch in Notizbüchern zu dokumentieren: die wechselnden Liebhaber seiner Mutter, das Leben im Mexico City der dreißiger Jahre. Seine Arbeit für Diego Rivera, die Begegnung mit Frida Kahlo. Der Alltag im Haus der Künstler. Leo Trotzki. Revolution. Bei all dem bleibt Harrison Shepherd der stille Beobachter, der keinen Anteil zu nehmen scheint. Er ist La Lacuna – das fehlende Element in der Geschichte. Diesem Kunstgriff der Autorin Barbara Kingsolver ist es zu verdanken, dass man sich als Teil des Geschehens fühlt, während man Harrison Shepherd durch die Zeit der Großen Depression, den Zweiten Weltkrieg und die McCarthy-Ära begleitet. Am Ende ist es ein bisschen, als hätte man selbst mit Frida Kahlo gelebt: dramatisch und trotzdem ein großes Vergnügen. Ab 30 Grad im Schatten erst recht. (Jessica Braun, Redakteurin Reise)

Barbara Kingsolver: "The Lacuna", Harper Collins, New York 2009, 507 S., 11,95 €

 Ryszard Kapuscinski, Miguel de Cervantes, David Foster Wallace

Für die Daheimbleiber

Diesen Sommer verbringe ich zwei Wochen am Bodensee, dämmernd unter Bäumen am Strandbad Hörnle. Wer da etwas erleben will, muss lesen, am besten Hemingways Garten Eden oder Ryszard Kapuscinski, den großen polnischen Journalisten. In diesem Jahr nehme ich das Buch über sein Reporterleben mit: Meine Reisen mit Herodot . Kapuscinski erzählt darin, wie in den fünfziger Jahren das erste Mal das kommunistische Polen in Richtung Indien verließ, um seine erste Auslandsreportage zu schreiben. Und wie er später immer wieder in den Kongo reiste, um den Prozess der Entkolonialisierung zu beschreiben. Jede Story hat Wucht. Und irgendwann ist es dem Daheimbleiber auch egal, dass er in diesem Jahr in der Heimat geblieben ist. (Philip Faigle, Redakteur Wirtschaft)

Ryszard Kapuscinski: "Meine Reisen mit Herodot. Reportagen aus aller Welt", Piper Verlag, München 2007, 357 S., 10 €


Dieser Ritter fährt mit

Cervantes' Don Quijote von der Mancha gehört ja zu jenen Büchern der Weltliteratur, deren Quintessenz jeder aufsagen kann, ohne das Buch gelesen zu haben. Das ist echte Volkstümlichkeit. Aber auch seine Lektüre ist ein herrlich körniges Vergnügen. Susanne Lange hat das Werk im vergangenen Jahr in ein klares, anschauliches und kraftvolles Deutsch übersetzt. Und wenn wir darin lesen, merken wir, wie vertraut uns dieser fahrende Ritter von der traurigen Gestalt immer schon war. Natürlich lachen wir über seine Torheiten, die er selbst für "gedächtniswürdige Trefflichkeiten" hält. Wir schütteln den Kopf über seinen Glauben an die Ritterromane. Wir schmunzeln über seinen übertriebenen Stolz und seine Ehrpusseligkeit, die noch jede kleinste Unaufmerksamkeit für eine große Respektlosigkeit ansieht, die nach Satisfaktion verlangt. Aber zugleich verstehen wir auch seine Sehnsucht nach Anmut, nach Größe, nach Heldentum. Darf es einen, nur weil man ein verwahrloster Landadliger mit Sprung in der Schüssel ist, gar nicht mehr nach Ehre und Ruhm verlangen? Unsere Lehre aus dem Don Quijote lautet: Lieber lächerlich, als ganz ohne Anmut. Lieber gegen Windmühlen kämpfen, aber dafür ein Ritter sein. (Ijoma Mangold, Redakteur im Feuilleton der ZEIT)

Cervantes: "Don Quijote von der Mancha", Hanser Verlag, München 2008, 1488 Seiten, 68 €


Ein Urlaub ist nicht genug

Mein Sommerbuch des vergangenen Jahres lese ich immer noch. Wahrscheinlich geht es den meisten so, die sich an diesen Unendlichen Spaß von David Foster Wallace gemacht haben, viele haben es auch einfach aufgegeben. Allein die Fußnoten erstrecken sich über 150 eng bedruckte Seiten. Die Thematik – nicht einfacher. Wir blicken in erschöpfend viele ungebremste Gedanken eines Anonymen Alkoholikers. Wir lesen ausgiebig von minderjährigen, angehenden Tennisstars, lernen ihre Ess- und Drogenkonsumiergewohnheiten detailliert kennen. Wir erfahren von den Zwängen im Balzverhalten eines Profipunters. Wir lernen rollstuhlfahrende Separatisten, grotesk verkleidete Agenten, Mitglieder der Liga der Absolut Rüde Verunstalteten und Entstellten und so viele Schräge und Kaputte kennen – mehr als wir je in Erinnerung behalten könnten. Der Sinn, auf diese hoffnungslos negativ überzogene Fassade des Menschlichen, seine Unzulänglichkeiten und Süchte zu blicken, eingepackt in eine eher verschleierte Handlung? Schwer zu sagen, selbst im letzten Viertel des Wälzers. Ein Gutes hat das Buch jedoch zweifelsohne: Es zwingt einen regelrecht, viele lange Urlaube zu nehmen. Schließlich will man ja irgendwann auch wieder mal etwas anderes lesen. (Adrian Pohr, Redakteur Video)

David Foster Wallace: "Unendlicher Spaß", Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 1548 S., 39,95 €

 Francoise Sagan, Uwe Johnson, Oliver Maria Schmitt

Verloren im Liegestuhl

Eine 18-Jährige Frau schreibt einen Skandalroman. Es geht darin um ein Mädchen, das sich der Leistungsgesellschaft verweigert, mit ihrem charismatischen Vater kämpft und ihre ersten sexuellen Erfahrungen macht. Nein – nicht was Sie jetzt meinen. Wir sprechen von Francoise Sagans Bonjour Tristesse . Der Roman war in den sinnesfeindlichen fünfziger Jahre ein Aufreger, der seine Autorin weltberühmt machte und zum Synonym für ein Lebensgefühl wurde: eine Verlorenheit, eine Melancholie inmitten einer makellosen Umgebung. Die perfekte Lektüre für einen Liegestuhl an der Cote d'Azur. (Carolin Ströbele, Redakteurin Lebensart)

Francoise Sagan: "Bonjour Tristesse", Ullstein Verlag 2005, 183 S., 7,95


Briefe aus stürmischen Zeiten

In Jahrestage , seinem zweitausendseitigen Vermächtnis über deutsche und deutsch-deutsche Geschichte, lässt Uwe Johnson einige Zeitgenossen seinen Hochmut spüren. Etwa Stalins unbelehrbare Tochter. Oder Hans Magnus Enzensberger, den er zu einem intellektuellen Leichtgewicht degradiert, weil er ihn für einen Sympathisanten der 68er hält und einen Initiator des "Pudding-Attentats" der Kommune 1. Johnson lebte damals in New York und betrachtete die politischen Bewegungen Deutschlands mit wachsender Distanz. Seit vorigem Herbst liegt sein Briefwechsel mit Enzensberger vor, deren Freundschaft, typischerweise, an der moralischen Rigorosität Johnsons zerbrach. Dieses Buch dokumentiert die Entfremdung zweier der wichtigsten deutschen Nachkriegsautoren in einer hochpolitischen Zeit, dokumentiert das Unvereinbare zweier scharfsinniger Literaten, die die Kunst des Briefeschreibens kultivierten. Ein Buch für alle Jahreszeiten. (Oliver Fritsch, Redakteur Sport)

Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson: "fuer Zwecke der brutalen Verstaendigung. Der Briefwechsel." Herausgegeben von Henning Marmulla und Claus Kröger. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2009. 343 S., 24,80
 

Mal nach Wanzleben?

Wer sich schon immer ein wenig über diese Menschen in diesem Deutschland wunderte, aber nicht recht auf eine befriedigende Antwort kam, der ist mit diesem Büchlein gut bedient. Er wird zwar auch dort keine Antworten finden, aber Unterhaltung. Und das, obgleich das 159-Seiten-Werk nun schon fünf Jahre auf dem Buchdeckel hat. Der Autor jedenfalls, ehemaliger Chefredakteur der Titanic Oliver Maria Schmitt, hat nichts unversucht gelassen, Deutschland zu bereisen und zu beschreiben. Wanzleben, zum Beispiel, den völlig vergessenen Geburtsort des völlig vergessenen Martin Bangemann. Oder Halle, das zwar kein Genscher-Denkmal, dafür aber ein Beatles-Museum hat sowie das einzige Busfahrertreffen Europas. Auch schön: Schmitts "wahre deutsche Unesco-Welterbe"-Liste mit dem Diözisanmuseum Paderborn ("schönster Betonkachelbau Paderborns"), Adenauers Bett ("in Anlehnung an zahllose andere Betten errichtet") und Helmut Markwort ("auffälliger Zentralbau mit barocken Fettauskragungen"). Mehr als 50 kleine und größere Geschichten finden sich im Vademekum für Deutschland , nur wenige sind missraten. Der Rest ist großer Spaß. (Markus Horeld, Ressortleiter Politik)

Oliver Maria Schmitt: "Hit me with your Klapperstock: Ein Vademekum für Deutschland", Bittermann Verlag 2005, 159 S., 12 €
 

Tom McCarthy, Simon Beckett, Lutz Seiler

Geschichte des Wieder-Holens

Letztes Jahr am Strand las ich die Geschichte des Mannes, der nach einem Unfall achteinhalb Millionen Pfund Entschädigung bekam. Statt sich zur Ruhe zu setzen, setzt er das Geld ein, um seinen Alltag in Zeitlupe zu betrachten. Er heuert Schauspieler an, lässt sie Momente seines Lebens nachspielen, Mal um Mal. Sie drehen keinen Film. Sie spielen nur für ihn, und er sieht ihnen dabei zu. Eine irre Geschichte des Wieder-Holens. Das Buch war so schön, vielleicht sollte ich es dieses Jahr noch mal lesen, oder, nein, viel besser: Ich lasse Sie es lesen und sehe Ihnen dabei zu. (Ulrich Stock, Redakteur der Wochenschau, DIE ZEIT)

Tom McCarthy,"8 1/2 Millionen", Diaphanes Verlag Zürich-Berlin 2009, 302 S., 19,90 €


Böse summen die Fliegen

Leichen, überall Leichen, und sie sind immer gleich verwest. Das klingt nicht unbedingt nach erbaulicher Sommerlektüre, aber die Stimmungen und Bilder, die Simon Beckett erzeugt, passen ganz wunderbar zur Jahreszeit. Kein Lüftchen regt sich, Fliegen summen böse um die toten Körper, und Hummeln saufen träge die Blüten leer. Heiß ist es bei der Morduntersuchung und so drückend, dass des Lesers Hemd am Rücken klebt. Natürlich mag das auch an der echten Hitze draußen liegen, aber deswegen passt es so wunderbar. Und der Ex-Leichenuntersuchungsprofi David Hunter, der sein altes Leben flieht und sich in einem Dorf verkriecht, der passt auch. Denkt man als Bürodrohne doch sofort daran, selbst fliehen zu wollen. Der kleine See vor dem Haus, die Abenddämmerung und die beschauliche Landarztpraxis – das ist Urlaub im Kopf. Und ja, spannend ist Die Chemie des Todes auch und das Ende angenehm überraschend, ohne zu überdrehen. Was will man mehr? (Kai Biermann, Ressortleiter Digital)

Simon Beckett: "Die Chemie des Todes", Rowohlt, Reinbek 2007, 432 S., 9,90 €


Bittersüße Ausflüge

Wer Lutz Seilers grandioses Buch Die Zeitwaage liest, kann gemeinsam mit dem Autor an den kalifornischen Strand, ins fernste Sibirien oder ins "Chemiedreieck" von Bitterfeld reisen, ohne das eigene Wohnzimmer verlassen zu müssen. Dreizehn bittersüße Ausflüge in das Innenleben der Protagonisten. Da gibt es den neunjährigen Jungen, der sich morgens im Baum versteckt, um nicht als Erster die Klasse betreten zu müssen; da ist der Familienvater, der vor den Trümmern seiner Ehe steht, und da ist der Teenager, der seinen Vater zum ersten Mal im Schach besiegt. Seiler erzählt von Menschen, die durch ihr Leben stolpern, am Abgrund stehen und doch nicht aus ihrer Haut können. Ein Buch wider alle sonnenmilchgetränkte Urlaubsseligkeit – geschrieben von einem Mann, der am liebsten da bleibt, wo er ist: zu Hause. (Ariane Mohl, Mitarbeiterin im Nachrichtenteam)

Lutz Seiler: "Die Zeitwaage", Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009, 224 S., 22,80

 Ferdinand von Schirach, Denis Johnson, Dante Alighieri

Das Böse im Strandkorb

Ich weiß nicht, ob Verbrechen von Ferdinand von Schirach ein Sommerbuch ist. Ich vermute eher nicht. Man kann zumindest nicht sagen, dass es heiter und sonnig wäre. Schirach arbeitet als Strafverteidiger in Berlin, er hat viel erlebt. Einiges davon hat er zu Kurzgeschichten gemacht. Die sind so subtil und lakonisch erzählt, dass das Böse mit umso größerer Wucht um die Ecke kommt. Schirach interessiert, warum sich Menschen schuldig machen, natürlich, das gehört zu seiner Arbeit. Erklärungsversuche gibt er aber allenfalls implizit. Das ist dann besonders fesselnd, wenn sich das Böse plötzlich Bahn bricht. Wie in Fähner , der ersten Geschichte. Da lebt ein Mann 72 Jahre lang sein Leben: Arztberuf, Gartenarbeit, 40 Jahre Ehe. Dann spaltet er mit einer Axt seiner Frau den Schädel. Bei anderen Fällen schleicht sich ein ungewöhnlicher Gedanke ein: Vielleicht hatte da jemand wirklich gute Gründe, eine Bank zu überfallen ( Der Äthiopier ). Oder sogar dafür, den eigenen Bruder umzubringen ( Das Cello ). Also doch ein Sommerbuch. Das Böse sitzt vielleicht nur ein paar Strandkörbe weiter. (Meike Fries, Redakteurin Studium)

Ferdinand von Schirach: "Verbrechen", Piper Verlag, München 2009, 205 S., 16,95 €


Killerhai im Streichelzoo

Ob es am heißen Wetter lag, oder an der Vergabe des Bachmann-Preises, die ich mir gerade auf orf.at anschaute – kürzlich verspürte ich mal wieder Lust nach einem Text, der Wucht hatte, der erzählen wollte, notfalls mit Gewalt. Und da fiel mir gottlob ein Buch wieder ein, das so gut in diesen lauwarmen Sommer passt wie ein Killerhai in den Streichelzoo: Jesus' Sohn von Denis Johnson. Ich wollte einfach mal wieder verliebt sein, in den Hauptdarsteller nämlich, der, obgleich es sich um eine Sammlung von Kurzgeschichten handelt, immer der gleiche, sture, wilde, verlorene Einzelgänger ist. Der seinem hoffnungslosen Treiben und dem kläglichen Rest nur zuguckt, leidenschaftlich unbeteiligt, der zudem zu schweigen vermag, welch unterschätzte Kunst, und dann im falschen Moment mit der noch falscheren Frau knutscht – wissend, dass er dafür doch wieder aufs Maul bekommt. Es war nur eine Illusion, aber kurz kam mir das Brandenburger Seewasser nicht mehr wie lauwarme Suppe, sondern tiefgründig und klar vor. (Tina Klopp, Redakteurin Digital)

Denis Johnson: "Jesus' Sohn", Rowohlt Verlag, Reinbek 2007, 176 S., 8,90 €


Wo's immer warm ist

Der Urlaub wird nur so gut wie das Buch, dass Sie mitnehmen. Sie wollen seichtes Geplätscher? Nichts leichter als das. Eine ganze Branche liegt Ihnen zu Füßen. Vielleicht aber wollen Sie mehr. Ein wenig Tiefgang vielleicht und – es klingt vermessen! – trotzdem unterhaltend. Sie wollen eine Geschichte mit einem starken Helden. Sie wollen Spannung und Überraschungen, Drama und Poesie. Es muss um ein Abenteuer gehen, um Sünde und Tod. Sie wollen alles und noch mehr! Sie wollen das perfekte Buch. Na gut, hier ist es. Es ist die Geschichte des Reisenden Vergil, aufgeschrieben von einem gewissen Dante Alighieri. Sie führt in 100 Gesängen in wärmere Gefilde: Hölle, Fegefeuer, Paradies. Lesen Sie es. Aber Obacht: Sie werden deswegen den besten Urlaub ihres Lebens verpassen. (Julian Schmidli, Hospitant)

Dante Alighieri: "Die Göttliche Komödie", Reclam, Leipzig 1986. 565 S., 9,60

 Walter Kempowski, Peter Mayle

Familie im Norden

Wie das deutsche Bürgertum zu dem geworden ist, was wir heute kennen, lässt sich wunderbar in Walter Kempowskis Familienaufzeichnungen nachlesen. Hervorragend geht das in seinem Buch Schöne Aussicht , der Geschichte des jungen Ehepaars Grethe und Karl Kempowski, den Eltern des Autors. Es sind die 1920er Jahre und die einsetzende Nazi-Zeit, intensive Phasen deutscher Geschichte, die der Leser anhand der anekdotischen Erzählfragmente über die Familie Kempowski in Rostock begleitet. Das Buch beschreibt das Leben des Ehepaars, ihre Freunde und Verwandten, die Arbeit, das Aufwachsen der drei Kinder. Das Gesellschaftsleben dieser Zeit befindet sich in einer Art unsicheren Zwischenwelt, man weiß nicht genau, was richtig ist und was falsch. Vieles aus der jüngeren Vergangenheit ragt anfangs noch in den Alltag hinein, besonders der Erste Weltkrieg und die Kaiserzeit. Die Kempowskis bewegen sich zwischen einer verklemmten Engstirnigkeit und gleichzeitig großzügigen Offenheit. Vieles von dem, was sie in den zwanziger und dreißiger Jahren mit ihren Freunden und Verwandten diskutieren, mutet uns heute manchmal naiv und befremdlich an, auch chauvinistisch. Einer der Gründe, dieses Buch zu lesen, sind die vielschichtigen Persönlichkeiten, die es präsentiert. Es sei zur Lektüre empfohlen. (Steffen Richter, Redakteur Politik)

Walter Kempowski: "Schöne Aussicht", Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin 1997, 544 S., 11

Ein Buch für Merkel

Mein Jahr in der Provence steht griffbereit im Regal. Man kann es immer wieder lesen. Was der Engländer Peter Mayle über seine Ankunft in den von Lavendel gesäumten Bergen des Luberon schreibt, verstärkt das schöne Gefühl, im Urlaub zu sein. Die Story ist simpel, seinen Leser aber macht Mayle süchtig. Einem ersten Wahrhaftigkeitstest unterzog ich das Buch auf der Couch eines Landhauses in Südfrankreich. Tagsüber las ich von Ramon, dem Gipser und Didier, dem Maurer, abends konnten wir Mayles Welt mit den echten Franzosen vergleichen: auf einem Sommerfest im nahen Dorf bei Wein und Entenbrust. Am besten ist die Stelle, als Didier mit ein paar Kollegen einen zentnerschweren Steintisch durch die Tür eines Hauses hievt. In einer solchen Situation sei jeder Franzose ein Experte, schreibt Mayle und zeigt, was wahre Führung ist: "Didier wartete, bis alle ausgeredet hatten und befahl dann, was zu tun sei." Die Bundeskanzlerin sollte dieses Buch lesen. (Tilman Steffen, Nachrichtenredakteur)

Peter Mayle: "Mein Jahr in der Provence", Knaur, München 1994, 560 S., 7,95