Nazis im Keller

Was würden wohl vier alte Nazis sagen, zur Bundesrepublik im Jahre 2004? Fragen wir Fritz, Otto, Josef und Konrad. Sie haben die letzten 60 Jahre in einem Bunker verbracht, irgendwo in der brandenburgischen Pampa. Weil ihr Dosenöffner zerbricht, beschließen sie, sich ihrem Befehl zu widersetzen. Schwer bewaffnet verlassen sie ihr unterirdisches Quartier und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nicht nur an Autos, Handys und Kameras müssen sie sich erst mal gewöhnen. Auch dass die wenigen, die noch an den Führer glauben, unterbelichtete Glatzköpfe sind, wundert sie. Was haben die gegen Türken, das sind doch Verbündete? Und was würden die Deutschen aus dem Jahr 2004 zu dieser greisen SS-Combo sagen? Wären sie hasserfüllt? Hätten Sie Mitleid? Hielten sie sie für eine politische Bedrohung? Vermutlich würde sie unterschiedlich reagieren, je nach Generation und sozialer Funktion. Etwa so wie Gerd, der Alt-68er-Kameramann, oder wie Eveline, die toughe BKA-Ermittlerin, oder wie Benny, der Aushilfs-DJ. Alle sind mehr oder weniger links, dennoch haben sie einen anderen Blick auf Vergangenheit und Gegenwart. Hans Waal zeigt diese verschiedenen Perspektiven. Sein Roman Die Nachhut ist irrwitzig skurril, unterhaltsam und klug. Manchmal auch geschmacklos und etwas platt. Aber das kann er verkraften. (Michael Schlieben, Redakteur Politik)

Hans Waal: "Die Nachhut", Aufbau Verlag, Berlin 2009, 336 S., 8,95


Boyle, ganz zahm

Ein Tier oder ein Mensch? Das Kind, das 1797 in den Wäldern von Südfrankreich gefangen wird, ist völlig verwahrlost. Es hat offenbar keine Empfindungen, kann nicht sprechen. T.C. Boyle hat sich in seiner Erzählung Das wilde Kind der Geschichte des Wolfskinds Victor von Aveyron angenommen. Auf 100 kurzweiligen Seiten schildert Boyle, anders als sonst gänzlich zahm, wie die Gelehrten im Frankreich des 18. Jahrhunderts aus dem Kasper-Hauser-Wesen einen Mensch zu machen versuchen und letztlich daran scheitern. Die Frage, wie viel Zivilisation einen Menschen ausmacht, bleibt unbeantwortet. Dafür kommt der Leser in den Genuss, einen nüchternen T.C. Boyle zu lesen, der es dennoch schafft, den Leser bis zum Schluss bei der packenden Story zu halten. (Tina Groll, Redakteurin Karriere)

T.C. Boyle: "Das wilde Kind". Hanser-Verlag, München 2010. 106 S., 12,90 €


Gelebte Geschichte

Weil die Mutter ihm nicht zuhört und sein Vater weit weg ist, wird Harrison Shepherd zum Chronist seines eigenen Lebens – noch bevor er zum ersten Mal eine Schule besucht. Er beginnt, die Ereignisse seiner Kindheit in Mexiko akribisch in Notizbüchern zu dokumentieren: die wechselnden Liebhaber seiner Mutter, das Leben im Mexico City der dreißiger Jahre. Seine Arbeit für Diego Rivera, die Begegnung mit Frida Kahlo. Der Alltag im Haus der Künstler. Leo Trotzki. Revolution. Bei all dem bleibt Harrison Shepherd der stille Beobachter, der keinen Anteil zu nehmen scheint. Er ist La Lacuna – das fehlende Element in der Geschichte. Diesem Kunstgriff der Autorin Barbara Kingsolver ist es zu verdanken, dass man sich als Teil des Geschehens fühlt, während man Harrison Shepherd durch die Zeit der Großen Depression, den Zweiten Weltkrieg und die McCarthy-Ära begleitet. Am Ende ist es ein bisschen, als hätte man selbst mit Frida Kahlo gelebt: dramatisch und trotzdem ein großes Vergnügen. Ab 30 Grad im Schatten erst recht. (Jessica Braun, Redakteurin Reise)

Barbara Kingsolver: "The Lacuna", Harper Collins, New York 2009, 507 S., 11,95 €