Für die Daheimbleiber

Diesen Sommer verbringe ich zwei Wochen am Bodensee, dämmernd unter Bäumen am Strandbad Hörnle. Wer da etwas erleben will, muss lesen, am besten Hemingways Garten Eden oder Ryszard Kapuscinski, den großen polnischen Journalisten. In diesem Jahr nehme ich das Buch über sein Reporterleben mit: Meine Reisen mit Herodot . Kapuscinski erzählt darin, wie in den fünfziger Jahren das erste Mal das kommunistische Polen in Richtung Indien verließ, um seine erste Auslandsreportage zu schreiben. Und wie er später immer wieder in den Kongo reiste, um den Prozess der Entkolonialisierung zu beschreiben. Jede Story hat Wucht. Und irgendwann ist es dem Daheimbleiber auch egal, dass er in diesem Jahr in der Heimat geblieben ist. (Philip Faigle, Redakteur Wirtschaft)

Ryszard Kapuscinski: "Meine Reisen mit Herodot. Reportagen aus aller Welt", Piper Verlag, München 2007, 357 S., 10 €


Dieser Ritter fährt mit

Cervantes' Don Quijote von der Mancha gehört ja zu jenen Büchern der Weltliteratur, deren Quintessenz jeder aufsagen kann, ohne das Buch gelesen zu haben. Das ist echte Volkstümlichkeit. Aber auch seine Lektüre ist ein herrlich körniges Vergnügen. Susanne Lange hat das Werk im vergangenen Jahr in ein klares, anschauliches und kraftvolles Deutsch übersetzt. Und wenn wir darin lesen, merken wir, wie vertraut uns dieser fahrende Ritter von der traurigen Gestalt immer schon war. Natürlich lachen wir über seine Torheiten, die er selbst für "gedächtniswürdige Trefflichkeiten" hält. Wir schütteln den Kopf über seinen Glauben an die Ritterromane. Wir schmunzeln über seinen übertriebenen Stolz und seine Ehrpusseligkeit, die noch jede kleinste Unaufmerksamkeit für eine große Respektlosigkeit ansieht, die nach Satisfaktion verlangt. Aber zugleich verstehen wir auch seine Sehnsucht nach Anmut, nach Größe, nach Heldentum. Darf es einen, nur weil man ein verwahrloster Landadliger mit Sprung in der Schüssel ist, gar nicht mehr nach Ehre und Ruhm verlangen? Unsere Lehre aus dem Don Quijote lautet: Lieber lächerlich, als ganz ohne Anmut. Lieber gegen Windmühlen kämpfen, aber dafür ein Ritter sein. (Ijoma Mangold, Redakteur im Feuilleton der ZEIT)

Cervantes: "Don Quijote von der Mancha", Hanser Verlag, München 2008, 1488 Seiten, 68 €


Ein Urlaub ist nicht genug

Mein Sommerbuch des vergangenen Jahres lese ich immer noch. Wahrscheinlich geht es den meisten so, die sich an diesen Unendlichen Spaß von David Foster Wallace gemacht haben, viele haben es auch einfach aufgegeben. Allein die Fußnoten erstrecken sich über 150 eng bedruckte Seiten. Die Thematik – nicht einfacher. Wir blicken in erschöpfend viele ungebremste Gedanken eines Anonymen Alkoholikers. Wir lesen ausgiebig von minderjährigen, angehenden Tennisstars, lernen ihre Ess- und Drogenkonsumiergewohnheiten detailliert kennen. Wir erfahren von den Zwängen im Balzverhalten eines Profipunters. Wir lernen rollstuhlfahrende Separatisten, grotesk verkleidete Agenten, Mitglieder der Liga der Absolut Rüde Verunstalteten und Entstellten und so viele Schräge und Kaputte kennen – mehr als wir je in Erinnerung behalten könnten. Der Sinn, auf diese hoffnungslos negativ überzogene Fassade des Menschlichen, seine Unzulänglichkeiten und Süchte zu blicken, eingepackt in eine eher verschleierte Handlung? Schwer zu sagen, selbst im letzten Viertel des Wälzers. Ein Gutes hat das Buch jedoch zweifelsohne: Es zwingt einen regelrecht, viele lange Urlaube zu nehmen. Schließlich will man ja irgendwann auch wieder mal etwas anderes lesen. (Adrian Pohr, Redakteur Video)

David Foster Wallace: "Unendlicher Spaß", Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 1548 S., 39,95 €