Verloren im Liegestuhl

Eine 18-Jährige Frau schreibt einen Skandalroman. Es geht darin um ein Mädchen, das sich der Leistungsgesellschaft verweigert, mit ihrem charismatischen Vater kämpft und ihre ersten sexuellen Erfahrungen macht. Nein – nicht was Sie jetzt meinen. Wir sprechen von Francoise Sagans Bonjour Tristesse . Der Roman war in den sinnesfeindlichen fünfziger Jahre ein Aufreger, der seine Autorin weltberühmt machte und zum Synonym für ein Lebensgefühl wurde: eine Verlorenheit, eine Melancholie inmitten einer makellosen Umgebung. Die perfekte Lektüre für einen Liegestuhl an der Cote d'Azur. (Carolin Ströbele, Redakteurin Lebensart)

Francoise Sagan: "Bonjour Tristesse", Ullstein Verlag 2005, 183 S., 7,95


Briefe aus stürmischen Zeiten

In Jahrestage , seinem zweitausendseitigen Vermächtnis über deutsche und deutsch-deutsche Geschichte, lässt Uwe Johnson einige Zeitgenossen seinen Hochmut spüren. Etwa Stalins unbelehrbare Tochter. Oder Hans Magnus Enzensberger, den er zu einem intellektuellen Leichtgewicht degradiert, weil er ihn für einen Sympathisanten der 68er hält und einen Initiator des "Pudding-Attentats" der Kommune 1. Johnson lebte damals in New York und betrachtete die politischen Bewegungen Deutschlands mit wachsender Distanz. Seit vorigem Herbst liegt sein Briefwechsel mit Enzensberger vor, deren Freundschaft, typischerweise, an der moralischen Rigorosität Johnsons zerbrach. Dieses Buch dokumentiert die Entfremdung zweier der wichtigsten deutschen Nachkriegsautoren in einer hochpolitischen Zeit, dokumentiert das Unvereinbare zweier scharfsinniger Literaten, die die Kunst des Briefeschreibens kultivierten. Ein Buch für alle Jahreszeiten. (Oliver Fritsch, Redakteur Sport)

Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson: "fuer Zwecke der brutalen Verstaendigung. Der Briefwechsel." Herausgegeben von Henning Marmulla und Claus Kröger. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2009. 343 S., 24,80
 

Mal nach Wanzleben?

Wer sich schon immer ein wenig über diese Menschen in diesem Deutschland wunderte, aber nicht recht auf eine befriedigende Antwort kam, der ist mit diesem Büchlein gut bedient. Er wird zwar auch dort keine Antworten finden, aber Unterhaltung. Und das, obgleich das 159-Seiten-Werk nun schon fünf Jahre auf dem Buchdeckel hat. Der Autor jedenfalls, ehemaliger Chefredakteur der Titanic Oliver Maria Schmitt, hat nichts unversucht gelassen, Deutschland zu bereisen und zu beschreiben. Wanzleben, zum Beispiel, den völlig vergessenen Geburtsort des völlig vergessenen Martin Bangemann. Oder Halle, das zwar kein Genscher-Denkmal, dafür aber ein Beatles-Museum hat sowie das einzige Busfahrertreffen Europas. Auch schön: Schmitts "wahre deutsche Unesco-Welterbe"-Liste mit dem Diözisanmuseum Paderborn ("schönster Betonkachelbau Paderborns"), Adenauers Bett ("in Anlehnung an zahllose andere Betten errichtet") und Helmut Markwort ("auffälliger Zentralbau mit barocken Fettauskragungen"). Mehr als 50 kleine und größere Geschichten finden sich im Vademekum für Deutschland , nur wenige sind missraten. Der Rest ist großer Spaß. (Markus Horeld, Ressortleiter Politik)

Oliver Maria Schmitt: "Hit me with your Klapperstock: Ein Vademekum für Deutschland", Bittermann Verlag 2005, 159 S., 12 €