Geschichte des Wieder-Holens

Letztes Jahr am Strand las ich die Geschichte des Mannes, der nach einem Unfall achteinhalb Millionen Pfund Entschädigung bekam. Statt sich zur Ruhe zu setzen, setzt er das Geld ein, um seinen Alltag in Zeitlupe zu betrachten. Er heuert Schauspieler an, lässt sie Momente seines Lebens nachspielen, Mal um Mal. Sie drehen keinen Film. Sie spielen nur für ihn, und er sieht ihnen dabei zu. Eine irre Geschichte des Wieder-Holens. Das Buch war so schön, vielleicht sollte ich es dieses Jahr noch mal lesen, oder, nein, viel besser: Ich lasse Sie es lesen und sehe Ihnen dabei zu. (Ulrich Stock, Redakteur der Wochenschau, DIE ZEIT)

Tom McCarthy,"8 1/2 Millionen", Diaphanes Verlag Zürich-Berlin 2009, 302 S., 19,90 €


Böse summen die Fliegen

Leichen, überall Leichen, und sie sind immer gleich verwest. Das klingt nicht unbedingt nach erbaulicher Sommerlektüre, aber die Stimmungen und Bilder, die Simon Beckett erzeugt, passen ganz wunderbar zur Jahreszeit. Kein Lüftchen regt sich, Fliegen summen böse um die toten Körper, und Hummeln saufen träge die Blüten leer. Heiß ist es bei der Morduntersuchung und so drückend, dass des Lesers Hemd am Rücken klebt. Natürlich mag das auch an der echten Hitze draußen liegen, aber deswegen passt es so wunderbar. Und der Ex-Leichenuntersuchungsprofi David Hunter, der sein altes Leben flieht und sich in einem Dorf verkriecht, der passt auch. Denkt man als Bürodrohne doch sofort daran, selbst fliehen zu wollen. Der kleine See vor dem Haus, die Abenddämmerung und die beschauliche Landarztpraxis – das ist Urlaub im Kopf. Und ja, spannend ist Die Chemie des Todes auch und das Ende angenehm überraschend, ohne zu überdrehen. Was will man mehr? (Kai Biermann, Ressortleiter Digital)

Simon Beckett: "Die Chemie des Todes", Rowohlt, Reinbek 2007, 432 S., 9,90 €


Bittersüße Ausflüge

Wer Lutz Seilers grandioses Buch Die Zeitwaage liest, kann gemeinsam mit dem Autor an den kalifornischen Strand, ins fernste Sibirien oder ins "Chemiedreieck" von Bitterfeld reisen, ohne das eigene Wohnzimmer verlassen zu müssen. Dreizehn bittersüße Ausflüge in das Innenleben der Protagonisten. Da gibt es den neunjährigen Jungen, der sich morgens im Baum versteckt, um nicht als Erster die Klasse betreten zu müssen; da ist der Familienvater, der vor den Trümmern seiner Ehe steht, und da ist der Teenager, der seinen Vater zum ersten Mal im Schach besiegt. Seiler erzählt von Menschen, die durch ihr Leben stolpern, am Abgrund stehen und doch nicht aus ihrer Haut können. Ein Buch wider alle sonnenmilchgetränkte Urlaubsseligkeit – geschrieben von einem Mann, der am liebsten da bleibt, wo er ist: zu Hause. (Ariane Mohl, Mitarbeiterin im Nachrichtenteam)

Lutz Seiler: "Die Zeitwaage", Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009, 224 S., 22,80