Das Böse im Strandkorb

Ich weiß nicht, ob Verbrechen von Ferdinand von Schirach ein Sommerbuch ist. Ich vermute eher nicht. Man kann zumindest nicht sagen, dass es heiter und sonnig wäre. Schirach arbeitet als Strafverteidiger in Berlin, er hat viel erlebt. Einiges davon hat er zu Kurzgeschichten gemacht. Die sind so subtil und lakonisch erzählt, dass das Böse mit umso größerer Wucht um die Ecke kommt. Schirach interessiert, warum sich Menschen schuldig machen, natürlich, das gehört zu seiner Arbeit. Erklärungsversuche gibt er aber allenfalls implizit. Das ist dann besonders fesselnd, wenn sich das Böse plötzlich Bahn bricht. Wie in Fähner , der ersten Geschichte. Da lebt ein Mann 72 Jahre lang sein Leben: Arztberuf, Gartenarbeit, 40 Jahre Ehe. Dann spaltet er mit einer Axt seiner Frau den Schädel. Bei anderen Fällen schleicht sich ein ungewöhnlicher Gedanke ein: Vielleicht hatte da jemand wirklich gute Gründe, eine Bank zu überfallen ( Der Äthiopier ). Oder sogar dafür, den eigenen Bruder umzubringen ( Das Cello ). Also doch ein Sommerbuch. Das Böse sitzt vielleicht nur ein paar Strandkörbe weiter. (Meike Fries, Redakteurin Studium)

Ferdinand von Schirach: "Verbrechen", Piper Verlag, München 2009, 205 S., 16,95 €


Killerhai im Streichelzoo

Ob es am heißen Wetter lag, oder an der Vergabe des Bachmann-Preises, die ich mir gerade auf orf.at anschaute – kürzlich verspürte ich mal wieder Lust nach einem Text, der Wucht hatte, der erzählen wollte, notfalls mit Gewalt. Und da fiel mir gottlob ein Buch wieder ein, das so gut in diesen lauwarmen Sommer passt wie ein Killerhai in den Streichelzoo: Jesus' Sohn von Denis Johnson. Ich wollte einfach mal wieder verliebt sein, in den Hauptdarsteller nämlich, der, obgleich es sich um eine Sammlung von Kurzgeschichten handelt, immer der gleiche, sture, wilde, verlorene Einzelgänger ist. Der seinem hoffnungslosen Treiben und dem kläglichen Rest nur zuguckt, leidenschaftlich unbeteiligt, der zudem zu schweigen vermag, welch unterschätzte Kunst, und dann im falschen Moment mit der noch falscheren Frau knutscht – wissend, dass er dafür doch wieder aufs Maul bekommt. Es war nur eine Illusion, aber kurz kam mir das Brandenburger Seewasser nicht mehr wie lauwarme Suppe, sondern tiefgründig und klar vor. (Tina Klopp, Redakteurin Digital)

Denis Johnson: "Jesus' Sohn", Rowohlt Verlag, Reinbek 2007, 176 S., 8,90 €


Wo's immer warm ist

Der Urlaub wird nur so gut wie das Buch, dass Sie mitnehmen. Sie wollen seichtes Geplätscher? Nichts leichter als das. Eine ganze Branche liegt Ihnen zu Füßen. Vielleicht aber wollen Sie mehr. Ein wenig Tiefgang vielleicht und – es klingt vermessen! – trotzdem unterhaltend. Sie wollen eine Geschichte mit einem starken Helden. Sie wollen Spannung und Überraschungen, Drama und Poesie. Es muss um ein Abenteuer gehen, um Sünde und Tod. Sie wollen alles und noch mehr! Sie wollen das perfekte Buch. Na gut, hier ist es. Es ist die Geschichte des Reisenden Vergil, aufgeschrieben von einem gewissen Dante Alighieri. Sie führt in 100 Gesängen in wärmere Gefilde: Hölle, Fegefeuer, Paradies. Lesen Sie es. Aber Obacht: Sie werden deswegen den besten Urlaub ihres Lebens verpassen. (Julian Schmidli, Hospitant)

Dante Alighieri: "Die Göttliche Komödie", Reclam, Leipzig 1986. 565 S., 9,60