Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Pulverfass, auf dem die Schwestern Fritzi und Margarete Stein sitzen. Unter ihnen brodelt und dampft es. Im Erdinnern, das in besseren Zeiten von Bergleuten ausgehöhlt worden war, lodert noch immer das Feuer, das vor vielen Jahren fast das ganze Gebiet in Schutt und Asche gelegt hatte. Wer konnte, machte sich damals aus dem Staub und ließ die unwirtliche Gegend hinter sich. Ein kleines Stückchen Erde wurde zum feurigen Schauplatz einer Mini-Apokalypse, und was nach dem Beben übrig geblieben ist, droht immer weiter zu verschwinden.

Wie eine göttliche Strafe erscheint einem dieser Feuerschlund, aber man weiß nicht so recht, wofür. Die gesamte Überlieferung der Stadt ist durch das Unglück gekappt worden; zwischen Vergangenheit und Gegenwart geht ein Riss. Eine Stunde Null hat hier noch nicht geschlagen – kein Aufbruch. Nur Lethargie. Nur Verlorenheit. Aber wer die alten Mythen ein wenig kennt, weiß: Jeder Weltuntergang birgt in sich auch schon die Geburt von etwas Neuem. Zum Glück gibt es "die Jugend", personifiziert durch die Geschwister Stein, Töchter des Polizeikommandanten der verfallenden Stadt. "Die Jugend liest Bücher und sucht einen Fluss. Die Jugend denkt daran, sich in Zukunft am Fluss zu treffen. Sie kann sich nicht an die Zeit vor dem Feuer erinnern, aber sie versucht es trotzdem."

Das ist die experimentelle Ausgangssituation von Dorothee Elmigers seltsamem, erstaunlichem Debütroman Einladung an die Waghalsigen, der nach dem ausgezeichneten Auftritt der Autorin beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb vom Verlag in Windeseile auf die Verkaufstische der Buchhandlungen gebracht wurde. Jedenfalls war die Neugier nach dem Gewinn des Kelag-Preises sehr groß – man glaubte bei Elmigers Klagenfurter Lesung eine neue Stimme gehört zu haben: einen etwas spröden, sachlichen, aber sehr eigenen Ton, mit dem sie ihre Figuren in diesem postapokalyptischen Kohlenrevier ausstattet.

Tatsächlich versuchen die beiden in die Gruben des Gedächtnisses dieser von Gut und Böse verlassenen Stadt hinabzusteigen, sich in eine Vorgeschichte zu graben, die ein Weiter erst ermöglichen würde. Margarete tut das lesend, Fritzi reisend. Niemand sonst scheint sich für die Zeit vor der Katastrophe und damit für die Zukunft des Ortes zu interessieren.

Es ist eine unsystematische Sammlung von Fach- und Sachbüchern, montanwissenschaftlichen Schriften, Studien über die Schifffahrt oder eine Einführung in die Astronomie, die Margarete aufstöbert. Daneben findet sie Werke wie Ferdinand Bruckners Krankheit der Jugend oder Germinal von Emile Zola. Aus dieser fragmentarischen Bibliothek wird reichlich zitiert, und aus ihr heraus entsteht ein neues Buch. Dorothee Elmiger montiert aus den Versatzstücken, den Lese- und auch Reiseeindrücken der Geschwister Stein, eine eigentümliche literarische Welt.

Es ist geradezu erstaunlich, wie das nüchtern Protokollarische dieses bürokratisch-amtlichen Stils zu einer Ordnung der letzten verfügbaren Dinge gerinnt und plötzlich wundersam Gestalt annimmt. Denn auch das gehört zu Elmigers poetischem Programm – die Sperrigkeit der Sprache verhindert eine allzu große Einfühlung und Nähe, und doch ersteht da im luftig gesetzten Text ein ungesehener Ort.

Die Sehnsucht und Hoffnung der Geschwister richtet sich auf den mythischen Fluss "Buanaventura", der tatsächlich einmal auf Karten des frühen 19. Jahrhunderts für den Westen der USA verzeichnet war. Und sich gleichwohl als Schimäre entpuppte. Elmiger dient er als romantisches Motiv, das überhaupt erst den Entdeckergeist der Mädchen weckt. Er steht für das schlechthin Andere, für das untergründig Verborgene; er schlängelt sich in der Fantasie durch eine andere Zeit. Durch sein Bett fließt das Vergangene in eine Zukunft hinein, die für die Waghalsigen nicht nur Vision, sondern in den gefundenen Büchern und auf Landkarten schon Gegenwart ist.