ZEIT ONLINE:  Sprechen wir über Ihren neuen Roman Die Liebe der Väter . Darin geht es um den Verlagsvertreter Peter, der mit seiner pubertierenden Tochter Annika über Silvester zu Freunden auf die Insel Sylt fährt. Annika wurde unehelich geboren und lebt bei der Mutter, die das alleinige Sorgerecht hat. Ihr Buch erzählt von Peters Machtlosigkeit und seiner Wut. Das ist deutsches Familienrecht, das das Bundesverfassungsgericht kürzlich für Unrecht erklärt hat.  Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen? So etwas sucht man sich wahrscheinlich nicht aus, oder?

Thomas Hettche: Dieses Buch ist tatsächlich mein persönlichster Roman, und der Schreibprozess war sehr besonders. Da musste erst etwas ein Ende haben, damit ich mich damit literarisch auseinandersetzen konnte. Aber, und das ist mir sehr wichtig: Die Liebe der Väter ist Fiktion! Denn das Besondere an den Erfahrungen, von denen ich schreibe, ist ja, wie viele Männer sie teilen. Wenn man einmal anfängt, darüber zu sprechen, hört man plötzlich unendlich viele Geschichten, die sich der Beziehungskonstellation verdanken, die der Roman zum Thema hat. Diese Geschichten habe ich aufgenommen.

ZEIT ONLINE: "Literatur beginnt jenseits dessen, was ist" – diesen Satz haben Sie dem Roman vorangestellt.

Hettche: Ja, zwei Dinge stelle ich dem Roman voran, und beide sind mir sehr wichtig. Das ist einmal die Widmung an "A." und das ist zum anderen dieser Satz. Und er hat sich übrigens für mich auf eine unerwartete Weise bewahrheitet, nämlich insofern, als der Ausgangspunkt der biografischen Erfahrung sich beim Schreiben tatsächlich verwandelt hat. Das war ein Schreibprozess, wie ich ihn bisher nicht kannte, der wirklich etwas Kathartisches hatte und bei dem all die Aggressionen, Verletztheiten und Frustrationen, die ihn zu Anfang antrieben, sich verwandelten. Als ob ich mit dem Abschluss des Romans auch mit der Welt dieser Erfahrung abgeschlossen hätte. Das ist für mich - neben der Freude von "A." über das Buch - das Wichtigste.

ZEIT ONLINE: Der Erzähler Peter steckt voller Wut und unterdrückter Aggressionen. Wie sind Sie zu dieser Ich-Erzählerfigur gekommen?

Hettche: Ich habe lange ausprobiert, welche Erzählhaltung, welcher Satzrhythmus mir diese Geschichte aufschließen würde. Natürlich tut man das immer, aber bei einem Thema, das einem so nahegeht, ist ja die Gefahr besonders groß, dass man als Autor irgendwie Recht behalten will. Schließlich schien mir größtmögliche Subjektivität der Ausweg. Also eine Erzählung ganz aus der Perspektive meines Helden, im Präsens und in Ich-Form, damit dieser Held sich nicht über das erheben kann, was ihm zustößt. Ich wollte ganz dicht bei diesem ohnmächtigen, hilflosen Menschen sein, weil es mir ja um das ging, was diese besondere Beziehungskonstellation mit Vätern macht. Ich wollte von der Machtlosigkeit und den Schuldgefühlen erzählen, von den Aggressionen und Distanzierungen dieser Väter, die den Menschen, den sie lieben, ihr Kind, nicht beschützen können.

ZEIT ONLINE:  Nun ist Peter aber auch an eine Frau geraten, die ihre Machtposition weidlich ausnutzt.