"Lehrer sagten, dieses Buch ist schädlich"

ZEIT ONLINE: Um Nichts hat es, seit das Buch vor zehn Jahren im dänischen Original erschien, in Skandinavien eine heftige Kontroverse gegeben. Immer wieder wurde von Behörden versucht, das Buch aus dem Schulunterricht herauszuhalten. Zugleich bekam es auch einen Literaturpreis des dänischen Kultusministeriums.

Janne Teller: Ja, es ist schon erstaunlich, dass ein Buch heutzutage in Westeuropa derart bekämpft werden kann. Nicht wegen brutaler oder sexistischer oder verhetzender Inhalte, sondern nur wegen der Fragen, die es aufwirft. Es gab in verschiedenen Ländern Schwierigkeiten, nicht nur in Dänemark, sondern in Frankreich und Norwegen, wo es in manchen Schulen noch immer nicht gelesen werden darf. Die Hauptdebatte fand zwischen Lehrern, Bibliothekarinnen und Pädagogen statt, von denen viele meinten, das Buch mute jungen Lesern zu viel zu.

Janne Teller, geboren 1964 in Kopenhagen © Morten Holtum Nielsen

ZEIT ONLINE: Es gibt ja auch drastische Szenen darin: Um ihren Mitschüler Pierre Anthon zu überzeugen, dass seine nihilistischen Parolen Unfug sind, beginnt eine siebte Klasse ein seltsames Projekt. Die Schüler häufen einen "Berg aus Bedeutung" an, für den jeder einzelne schlimme Opfer bringen muss. Einem muslimischen Jungen wird der Gebetsteppich weggenommen. Einem hoffnungsvollen Gitarristen wird der Zeigefinger abgehackt. Ein Mädchen muss ihre "Unschuld" opfern.

Teller: Witzigerweise ist Nichts heute auf vielen Lehrplänen zu finden und wird häufig als Prüfungsstoff verwendet. Manche Pastoren setzen es sogar im Konfirmandenunterricht ein. Aber über Jahre gab es erbitterten Widerstand. Manche Lehrer und Bibliothekare sagen: Dieses Buch ist schädlich für junge Leser, weil es ihnen jede positive Einstellung zum Leben raubt. Das sehe ich völlig anders, und glücklicherweise habe ich recht. Junge Leute stellen sich alle fundamentalen Fragen ganz von allein. Es sind die Erwachsenen, die sich unwohl fühlen, wenn an der Lackierung all dessen gekratzt wird, was wir aus reinem Konformismus täglich mitmachen. Das, was Pierre Anthon und seine Mitschüler tun, um welchen Preis auch immer, ist es doch, die Frage "Hat das Leben überhaupt einen Sinn" in die Frage umzuformen, welchen Sinn es haben sollte.

ZEIT ONLINE: Die Exzesse der Schüler finden in Tearing statt, einem verschlafenen dänischen Ort. Wie haben wir uns den vorzustellen? Ist es die dänische Provinz, die die Frage nach dem Sinn des Lebens besonders dringlich macht? Anders gesagt: Ist der Negativheld Pierre Anthon, der schließlich von seinen Klassenkameraden gelyncht wird, ein gewöhnlicher 13-jähriger Existenzialist oder ein dänischer Existenzialist?

Teller: Taering ist natürlich reine Erfindung. Ich stelle es mir vor als den Außenposten einer kleinen Provinzstadt in Westjütland. Ich sage Außenposten und nicht Vorort, weil ich an den Übergang zwischen Stadt und Land denke. Es gibt keinen Ortskern, keinen Dorfplatz. Der Außenposten hat kein Herz. Außerdem bedeutet Taering auf Deutsch "rosten, korrodieren". Der Ort zehrt seine Einwohner langsam auf, lässt sie vergehen, eben weil er keine Seele hat. Aber natürlich könnte die Geschichte fast überall passieren.

ZEIT ONLINE: Und Pierre Anthon?

Teller: Er ist ein ganz gewöhnlicher, handelsüblicher Existenzialist. Bemerkenswert natürlich, dass er in einem so reichen, friedlichen Land wie Dänemark aufwächst. Wenn Menschen hungern, ist die Frage nach dem Sinn des Lebens eher zweitrangig. Erst wenn die Grundbedürfnisse befriedigt sind, fangen wir an, nach der Zukunft zu fragen – oder danach, ob das Leben nicht mehr sein muss als das, was man sieht. Das ist ein interessantes Paradox, nicht wahr? Warum sollten Menschen so hart ums Überleben kämpfen, wenn das Leben gar keine Bedeutung hätte?

ZEIT ONLINE: Soweit er die Schule und die Langeweile des Außenpostens beschreibt, ist Ihr Roman realistisch. Aber die Tatsache, dass der Schulverweigerer Pierre Anthon von Eltern, Pädagogen und Behörden völlig in Ruhe gelassen wird, erscheint geradezu als Fantasy-Element.

Teller: Ich sehe es als eine Art modernes Märchen. Ich will gar nicht mit Wahrscheinlichkeit oder Plausibilität argumentieren: Ich finde am wichtigsten, dass Literatur ihre eigene Logik hat.  Weil sie nicht abgebildete Realität ist, kann sie uns Einsichten in unsere eigene Wirklichkeit vermitteln. Wie ein magischer Spiegel. Während ein realistischer Spiegel uns nur die Oberfläche zeigt.

 

ZEIT ONLINE: Es scheint auch recht fantastisch, dass die Kinder so viel darauf geben, was ihr merkwürdiger, nihilistischer Mitschüler meint. Was ist mit diesen Kindern passiert, was haben Sie ihnen beim Schreiben angetan, warum sind sie dermaßen fanatisch?

Teller: Gleich am Anfang sagt Agnes, die Erzählerin: "Die Tür lächelte. Es war das erste mal, dass ich sie das tun sah. Mir kam die angelehnte Tür wie ein breit grinsendes Maul vor, das mich verschlingen würde, wenn ich mich dazu verleiten ließe Pierre Anthon zu folgen." Und dann: "Aus uns sollte etwas werden. […] Ich bekam Angst. Angst vor Pierre Anthon. Angst. Mehr Angst. Am meisten Angst." Ich glaube, hier liegt der Fanatisierungsfaktor: die gefährliche Sehnsucht der Kinder, ihre durchstrukturierte Welt und all die Erwartungen, die in sie gesetzt werden, hinter sich zu lassen und Pierre Anthon zu folgen. Ihre eigenen Zweifel, ob irgendetwas Bedeutung hat, fanatisieren sie, ihre Furcht, dass Pierre Anthon Recht haben könnte. Das ist der Grund, warum ihr Projekt dermaßen eskaliert, und warum kein einzelner es zu stoppen versucht: Verglichen mit dem großen, leeren, hoffnungslosen Nichts eines Lebens ohne Sinn ist es ja fast nicht schlimm, einen Finger zu opfern. Eigentlich kämpft jeder gegen den Pierre Anthon in seinem eigenen Kopf. Diese Kinder werden Fanatiker, ihn dort herauszubekommen – wie so viele Erwachsene, die mit ihren religiösen oder anderweitigen Wahrheiten den Zweifel zu überdröhnen versuchen.

ZEIT ONLINE: Hat jeder Menschen diesen Pierre Anthon mit dem drohenden Nichts und der Sinnlosigkeit im Kopf?

Teller: Auf jeden Fall. Nur nimmt er manchmal viel Raum ein, manchmal wenig. Und uns Erwachsenen gelingt es in der Regel, so viel Lärm zu erzeugen, uns so beschäftigt zu halten, dass wir ihn überhören können, zumindest eine Weile – bis uns irgendwas auf die Füße fällt, das uns erinnert. Dann müssen wir ihm ins Auge blicken, ob wir wollen oder nicht.

ZEIT ONLINE: Ist der Roman als Jugendbuch eigentlich richtig eingeordnet? Oder ist es einfach ein Roman, der von jungen Leuten handelt?

Teller: Für mich ist es ein Crossover, ein Buch für jugendliche und erwachsene Leser. Und für viele Romane ist diese Klassifizierung in "Jugend" oder "Erwachsene" eine total künstliche und überflüssige Behinderung. Ursprünglich hatte ich beim Schreiben tatsächlich ein junges Publikum im Blick. Ich wurde wieder zur Vierzehnjährigen. Aber dann merkte ich, dass dadurch die Erzählstimme nicht naiver ausfiel als sonst. Die 14-jährige Perspektive befreite mich nur von einer Menge ideologischem Gepäck: all den felsenfesten Einteilungen in richtig und falsch; den Floskeln, mit denen wir den unbeantwortbaren Fragen des Lebens begegnen, ob wir nun religiös sind oder nicht. Junge Leute sind gegenüber all diesen Fragen noch sehr offen, sie müssen ihren Sinn erst finden, um sich für einen bestimmten Lebensweg entscheiden zu können. Im Kopf noch einmal 14 zu sein, hat es mir erlaubt, die großen, existenziellen Fragen mit völlig offenen Augen zu betrachten. Ich musste einsehen, dass ich keine definitiven Antworten hatte, obwohl ich in meinem Erwachsenenleben dauernd so tue.

ZEIT ONLINE: Das heißt, das Buch hatte auch für Sie eine klärende Wirkung?

Teller: Nichts wurde zu meiner eigenen Sinnsuche. Es war eine außergewöhnliche und sehr anstrengende Erfahrung: Aber ich habe mit dem Pierre Anthon in meinem Kopf Frieden geschlossen. Ich habe keine Angst mehr vor ihm, sondern bin ihm eher dankbar, dass er all die Fenster in meinem dunkel-gefährlich-verlockenden Existenzialistendachboden geöffnet hat. Es mag ja stimmen, dass das Leben keine höhere Bedeutung hat – wenn man die ganz große Perspektive betrachtet. Pierre Anthon hat mir die Augen dafür geöffnet, wie faszinierend und fantastisch das Leben ist – wenn wir es nicht erdrücken und ersticken mit Einschränkungen, die sich aus sinnlosen Konventionen ergeben.

Das Gespräch führte Susanne Gaschke