Norbert Gstrein sieht gut aus an diesem regnerischen Vormittag in Berlin, braungebrannt, entspannt, erholt. Er ist gerade von einem dreiwöchigen Urlaub aus Kroatien zurück und schaut nun, "was übrig ist von meiner bürgerlichen Existenz". Das meint er im Spaß, ein Anflug von Ernst aber ist zu erkennen, von leichter Paranoia, gesteht er. Eine bürgerliche Existenz, die der gebürtige Tiroler zwischen Hamburg, wo Freundin und Tochter wohnen, und Berlin führt, wo er eine Arbeitswohnung gemietet hat.

Die Rezensionen seines Romans Die ganze Wahrheit , der nicht zuletzt von einer der Suhrkamp-Verlegerin sehr ähnliche Figur handelt, hat er in Kroatien gelesen, im Internet. Ihm sei klar "dass trotz vieler wohlwollender Besprechungen die Aufnahme ungünstig ist". Doch habe er damit ja auch gerechnet, der Gegenwind gehöre gewissermaßen zum Programm seines Buches. Nachdem Gstrein im Juni in Berlin erstmals mit drei Kritikern für eine Radiosendung über den Roman gesprochen hatte, war Die ganze Wahrheit als potentieller Skandalauslöser betrachtet worden, als Schlüsselroman, der eine weitere Folge in der Suhrkamp-Soap liefern würde.

Der Skandal ist ausgeblieben, auch weil Ulla Unseld-Berkéwicz so klug ist, nicht gerichtlich dagegen vorzugehen. Für Irritationen hat Die ganze Wahrheit im klatschsüchtigen Literaturbetrieb aber gesorgt, woran Gstrein selbst nicht unschuldig ist. Im Literarischen Colloquium Berlin (LCB) wies er ungefragt darauf hin, sein Roman würde an eine personelle Konstellation bei Suhrkamp erinnern, "um die Leute nicht für blöd zu verkaufen, um zu zeigen, dass dort natürlich eine zweite Spur mitläuft". Nach zwei Interviews zum Erscheinen des Romans entstand dann der Eindruck, Gstrein wolle von der zweiten Spur weg. Sein Buch sei ganz und gar kein Schlüsselroman, sagte er da, er habe im LCB nur einer Skandalisierung zuvorkommen wollen.

Mehr und mehr schien sich der Österreicher verheddert zu haben – nicht in seinem literarischen Spiel mit Wirklichkeit und Fiktion. Das ist ihm in Die ganze Wahrheit geglückt, das ist genauso raffiniert wie unterhaltsam. Sondern vielmehr beim öffentlichen Umgang damit. Wer Suhrkamp sagt, sollte auch Suhrkamp meinen, denkt man. Gstreins Crux: Die strenge Form seines Romans steht im Gegensatz zu der eher lockeren Form des gesprochenen Wortes.

Er sagt nun, wie er da einem sehr urlaubstiefenentspannt gegenübersitzt, "dass es vielleicht nicht das Klügste ist, wenn ein Autor sich zum ersten Interpreten seines Romans macht. Ich hätte die Kritiker erst selbst schauen lassen sollen, ohne eine Spur zu legen". Und fügt an, nachdenklicher, ernster, schon weniger tiefenentspannt: "Man muss sehr exakt sein, wenn man die zweite, untergründig im Roman mitlaufende Spur betrachtet. Ich habe mich ja vor allem gegen Unterstellungen gewehrt, ich hätte ein Porträt von Ulla Berkéwicz geschrieben. Das habe ich nicht. Ich spiele mit Elementen aus der Realität, ich konstruiere etwas, ich dekonstruiere etwas. Und: Wie grotesk, wie verzerrt muss die Fiktion sein, damit man endgültig sagen kann, die hat nun aber nichts mehr mit der Realität zu tun? Hat nicht auch die Realität ein Problem, wenn sie selbst hinter der größten Groteske noch zu erkennen ist?"

Ein anderes Problem ist nur, Porträt hin oder her, fiktive Grotesken hin, reale Verzerrungen her: Bei der Lektüre kommen weder Kritiker noch kundige Leser am Sterben Siegfried Unselds, dem Überlebnis -Buch von Ulla Berkéwicz und ihrer Person vorbei – und Gstrein weiß das nur zu gut. So verschwimmen an diesem Vormittag irgendwann die Grenzen zwischen Literatur und Realität, vor allem der Suhrkamp-Realität. Einerseits ist es anregend, sich mit Gstrein über seine Poetik zu unterhalten, über die Anstrengungen gerade auch seiner früheren Bücher, die Risse zwischen Wirklichkeit und Fiktion sichtbar zu machen; sein Blick nimmt dabei einen schönen, starr-leuchtenden Ausdruck an. Andererseits spricht er fast im Plauderton vom Suhrkamp-Verlag und dessen Geschicken, was nicht von ungefähr kommt. Seit seinem Erzähldebüt Einer 1988 war Gstrein bis 2005 und den Büchern Das Handwerk des Töten s und Wem gehört eine Geschichte? Suhrkamp-Autor, bevor er zum Hanser Verlag nach München wechselte.

Was zum Bruch geführt hat, darüber spricht er vielsagend-verklausuliert, der Auslöser sei nicht der Rede wert gewesen. Dann nennt Gstrein Namen von Lektoren und Autoren, die den Verlag verlassen haben und denen er nahe stand. Das brachte für ihn Loyalitätskonflikte mit sich, der Umgang des Verlages mit diesen Trennungen konnte und wollte er nicht gutheißen. Schließlich formuliert er es so: "Ich war in einer Lage, in der ich Fiktionen für die Wirklichkeit hätte halten sollen. Ich musste mich entscheiden. Wer die Macht hat, allgemein gesprochen, kann Untergebenen ins Gesicht lügen, ohne diese Lügen im geringsten zu kaschieren, und sie für die Wirklichkeit ausgeben. Man kann natürlich versuchen, diese Macht seinerseits durch Fiktionen zu untergraben. Damit hätten sie auch einen Subtext meines Romans."