ZEIT ONLINE: Herr Haslinger, am Deutschen Literaturinstitut Leipzig bewerben sich jedes Jahr 600 junge Autoren um eine Ausbildung zum Schriftsteller. Kann man das Schreiben überhaupt lernen?

Josef Haslinger:
Natürlich kann man das Schreiben lernen. Schriftsteller fallen ja nicht vom Himmel. Oder werden geboren und beginnen sofort zu schreiben. Alles was man tut, muss  gelernt werden. Wir haben auch gar nicht die Illusion, jedem das Schreiben beizubringen, sonst würden wir kein Auswahlverfahren machen. Diejenigen, die zu uns kommen, sind in gewisser Weise schon Schriftsteller. Die meisten von ihnen haben auch schon veröffentlicht.

ZEIT ONLINE:
Noch vor 30 Jahren gab es in Deutschland bedeutend weniger Kurse und Studiengänge für Schriftsteller als heute. Warum?

Josef Haslinger ist Geschäftsführender Direktor des Deutschen Literaturinstituts Leipzig und Dozent für literarische Ästhetik. Außerdem ist er Schriftsteller. © Tom Langdon



Haslinger: Die Entwicklung hin zu einer Vielfalt von Ausbildungsstätten reagiert auf ein Manko. Es fehlt den jungen Autoren an der gemeinsamen Auseinandersetzung, wie es sie im 20. Jahrhundert in den Autorenverbänden und Zeitschriften gab. Da gab es Gruppen, die sich nach stilistischen und ideologischen Kriterien organisierten. Wer zum Beispiel Teil der Gruppe 47 war, unterstützte damit auch eine politische Haltung. Noch in den siebziger Jahren galt es als Anerkennung der eigenen Tätigkeit, wenn man in einen Autorenverband aufgenommen wurde.

ZEIT ONLINE: Sind die Bücher durch die Ausbildung von Schriftstellern besser geworden?

Haslinger: Das kann man nicht sagen. Es sind weniger schlechte vielleicht. Wenn diejenigen, die eine Ausbildung hinter sich haben, Bücher ohne Ausbildung geschrieben hätten, hätten sie sicher schlechtere Bücher geschrieben. Diese Autorenausbildung reagiert ja auf ein Manko. Wenn es diese literarischen Gruppen nicht mehr gibt, fehlt auch jede Form der Auseinandersetzung und jede Form der Entwicklung, die Autoren gemeinsam durchgegangen sind, weg. Ich war selbst 15 Jahre lang Herausgeber einer Literaturzeitschrift und habe mich alle paar Tage mit Autoren getroffen, um mit ihnen ihre Texte zu besprechen. So wie ich, als ich Mitte der Siebziger jedes Mal mich mit einem der Redakteure getroffen habe, um den Text durchzugehen und Schwachstellen zu diskutieren. Was wir in den Seminaren machen, das fand früher auch statt. Es ist ja nicht so, dass sich die Autoren früher alles aus den Fingern gesaugt haben. Es gab immer jemanden, der mit ihnen ihre Texte durchschaute und sie auf bestimmte Dinge hinwies und seine Erfahrung weitergab. Nur das spielte sich in den literarischen Gruppen und Zeitschriften ab. Durch den Niedergang der Gruppen und die Professionalisierung der Zeitschriften, es gibt ja fast keine Autorenzeitschriften mehr, ist eben die Notwendigkeit entstanden, solche Schulen zu haben, in denen Autoren literarische Erfahrungen sammeln können.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie jetzt sagen, diese Verbände hätten heute keine Bedeutung mehr: Was hat denn heute Bedeutung für die jungen Schriftsteller?

Haslinger: Das, was sie schreiben. Und der Markt. Sie schließen sich nicht mehr in Gruppen zusammen und treten auch keinen Verbänden mehr bei. Noch in den siebziger Jahren war es auch eine Anerkennung der eigenen Tätigkeit, wenn man in einen Autorenverband aufgenommen wurde und an Diskussionen teilnahm. Das spielt heute keine Rolle mehr.


ZEIT ONLINE: Was ist aus diesen Verbänden geworden?

Haslinger: In ihrer inhaltlichen Tätigkeit sind sie eigentlich alle verschwunden. Es gibt zwar noch Autorenverbände, aber sie sind weitgehend auf berufspolitische Funktionen reduziert, sie sind nationale und internationale Interessenvertretungen der Autoren. Früher fanden in den Verbänden inhaltliche Diskussionen statt, es gab Konfrontationen, es wurde um literarische Richtungen gerungen. Diese Zeiten sind vorbei.