"Great American Novelist" steht unter dem Foto, das wirkt wie aus einer Ahnenreihe. Der Mann darauf trägt das Haar zerzaust und einen Dreitagebart, seine Brille ist unaufdringlich elegant. Der Blick dagegen ist müde ins Ungefähre gerichtet, als wüsste dieser Mann auf dem Cover des Time Magazine von den großen Worten und Erwartungen, die auf seinen Schultern lasten. Den Erwartungen, wieder einen Roman zu schreiben, der eine Epoche und eine gesamte Gesellschaft in allen ihren Facetten abbildet. Vor allem aber auch die Erwartung, ein Buch geschrieben zu haben, das sehr, sehr viele Menschen kaufen werden.

"Jonathan Franzen", steht auf dem Cover weiter, "zeigt uns, wie wir heute leben." Und dass er überhaupt auf dem Titelbild zu sehen ist, ist schon eine Ehre – wenn man weiß, dass Franzen dadurch in einer Reihe steht mit J. D. Salinger, Vladimir Nabokov, James Joyce und John Updike. Die New York Times verglich sein Werk gar mit Dickens und Tolstoi, Bellow und Thomas Mann. Der New Yorker veröffentlichte zwei Vorabdrucke aus Franzens am vergangenen Dienstag auf Englisch erschienenen Roman Freedom . Und als wäre das nicht genug des Lobes, hat sich auch noch Barack Obama wohlwollend über das Buch geäußert, das ihm vorab geschenkt wurde.

Jonathan Franzen selbst hat, obwohl er gemeinhin vorgibt mit Journalisten und ihren Fragen so seine liebe Mühe zu haben, zu diesem Rummel auch beigetragen. Als beispielsweise Oprah Winfrey 2001 Franzens dritten und bislang erfolgreichste Roman Die Korrekturen auf die Empfehlungsliste von Oprah’s Book Club setzte – was üblicherweise in einem steilen Anstieg der Buchverkaufszahlen resultiert – verwehrte sich der mittlerweile 51-jährige Franzen öffentlichkeitswirksam dagegen. Aus Angst, dies würde anspruchsvolle, zumal männliche, Leser vergraulen und seinem literarischen Anspruch nicht gerecht. Am Ende gab es zwar weder einen Aufkleber noch eine Einladung in Oprah Winfreys Sendung, aber viel Aufmerksamkeit. Die Korrekturen wurden letztlich ohne beziehungsweise nur mit indirekter Hilfe der Moderatorin zu einem der Bestseller des Jahres 2001.

Freiheit nun, so viel sei verraten, ähnelt in seinem Interesse den Korrekturen . Auch Franzens vierter Roman nähert sich der Gegenwart der amerikanischen Gesellschaft am Beispiel einer Familie, die – wenig überraschend – auf vielen Ebenen dysfunktional ist. Jonathan Franzen selbst sagte in einem Interview mit der Bücherkette Barnes & Noble : "Ich glaube, dass Romane genau das tun sollten: Sie sollten größtmögliche Abbilder der Gesellschaft mit den maximal persönlichen Geschichten verknüpfen."

Und das tut Franzen auch auf einer anderen Ebene. Er webt in die Geschichten der Protagonistin Patty Berglund eigene Erfahrungen ein. In der Titelgeschichte im Time Magazin erzählt Franzen, wie er am Tag nach dem Tod des Schriftstellers David Foster Wallace zum Andenken an diesen eine Packung Kautabak gekauft, geöffnet und gekaut habe. Es sei derart ekelhaft gewesen, er habe sich fast übergeben. Und dann doch weiter gekaut. Patty Berglund ergeht es beim ersten Konsum vom Kautabak wenig besser.

Außer um Kautabak und David Foster Wallace gehe es, verriet Franzen in verschiedenen Interviews und bei seinen vielzähligen Lesungen, um die USA unter Bush, um Umweltschutz, um das Empfinden von politischer Hilflosigkeit, um die Überbevölkerung der Erde, den Regierungsbetrieb in Washington D.C., seine mittlerweile vor längerer Zeit gescheiterte Ehe, um Vogelbeobachtung – und um Deutschland.

In Deutschland hat der Hype bislang kaum verfangen. Doch auch wenn die Erwartungen deutlich geringer sind als in den USA und sich hiesige Beobachter ob der amerikanischen Aufregung verwundert die Augen reiben, hat der Verlag den Veröffentlichungstermin um eine Woche vorverlegt – "aufgrund des großen internationalen Medieninteresses", wie es von Seiten des Rowohlt-Verlages heißt. Der Verdacht liegt nahe, dass die Vorverlegung des deutschen Veröffentlichungstermins weniger Folge der große Nachfrage als selbst ein PR-Manöver ist, mit dem die in Deutschland bisher eher überschaubare Aufregung anzufachen. Der Roman ist nun ab dem 8. September 2010 auch auf Deutsch erhältlich.