Fünf Monate ist es her, dass Apples iPad in den USA auf den Markt kam, und die Ängste in der Branche vor grundlegenden Veränderungen des Buchwesens waren groß. E-Books würden gedruckte Bücher verdrängen, heißt es immer wieder, und gerade Nischentitel wären dann nicht mehr finanzierbar, weil die Verkaufsauflage nicht mehr die nötige Höhe erreichte. Und noch so ein Satz, der dann oft fällt, wenn hierzulande darüber gesprochen wird: "In den USA sind sie damit ja schon viel weiter." In der Tat erreichen die großen amerikanischen Publikumsverlage mit ihren E-Book-Umsätzen von Monat zu Monat neue Rekordwerte.

Jüngst sorgte eine Meldung in der Buchbranche für Aufsehen, dass Amazon USA im Juni 2010 mehr E-Books als Hardcover-Bücher verkauft habe. Die kleineren, unabhängigen Verlage, gerade im Technologie-Staat Kalifornien, beweisen dagegen überraschenderweise eine große Treue zum gedruckten Buch.

Einer dieser Independent-Verlage und sicherlich auch eine Größe der kalifornischen Verlagsszene ist City Lights Books in San Francisco. Seit den 1950er-Jahren mit Beatliteratur populär geworden, veröffentlicht der Verlag heutzutage neben seinem beeindruckenden Lyrikprogramm auch viele sozialkritische und politische Bücher, und der angeschlossene Buchladen wurde jüngst von Publishers Weekly zum "Bookseller of the Year 2010" gekürt. Die Presseleiterin Stacey Lewis sieht das Thema E-Books ganz gelassen: "Die Digitalisierung und die Möglichkeiten des Internets sind keine Gefahr, sondern eine Realität."

Es müsse sich erst noch herausstellen, welches die beste Form digitalen Publizierens sein wird. "Wenn ich an die Panik denke, die damals alle bei der Einführung der heute völlig belanglosen CD-Rom hatten, kann man ja nur lachen." Entscheidend werde aber auch in Zukunft sein, dass es Instanzen gibt, die Inhalte filtern, aufbereiten, vermitteln – also Verlage." Schwierigkeiten für die unabhängigen Verlage sieht Lewis vielmehr in den Monopolisierungstendenzen des Buchhandels. Ketten wie Barnes&Noble verdrängen viele kleine Buchläden  – ganz ähnlich der Entwicklung in Deutschland also, wo es die kleinen Buchhandlungen immer schwerer haben.

Ein Gegenentwurf zur Apple-Welt ist die weitreichende Landschaft der Do-It-Yourself-Verlage, die in den 1980er Jahren vor allem aus musikalischen Strömungen wie dem Hardcore entstanden ist, und sich in den USA auch heute noch einer ungebrochenen Beliebtheit erfreuen. Einer der bekanntesten Verlage aus dieser Szene ist Microcosm Publishing, der politische Bücher und Erzählbände veröffentlicht, aber auch vegane Kochbücher und Anleitungen zu Themen wie Fahrradbau oder Angeln. Daneben sind sie einer der größten Vertriebe für Fanzines wie Yetipublishing, die Literaturmagazine Birkensnake, Scraped Knee und Watchword Press, das Electric Ant Zine oder auch das Projekt Memoir Journal.

Während einer Vorstellung von Microcosm Publishing im Frühjahr in San Francisco konnte man sich von der Vitalität dieser alternativen Szene überzeugen – hier wird noch ein Kulturbegriff gelebt, der vielen Marketing-Strategen anachronistisch erscheinen mag. Gleichwohl finden diese Bücher und Magazine nicht selten fünfstellige Leserzahlen.

Joe Biel, der Gründer von Microcosm, erklärt diesen Erfolg mit einer langfristigen und nachhaltigen Arbeitsweise: "Über die Jahre kann man so eine große Anzahl an Stammlesern für sich gewinnen, zudem sind unsere Bücher – vor allem die Do-It-Yourself-Ratgeber – einfach auch sehr günstig, was zu den guten Verkaufszahlen beiträgt." Der niedrige Preis für die gedruckten Bücher von zumeist unter acht Dollar bringt allerdings auch mit sich, dass es keine E-Book-Versionen gibt – der E-Book-Preis bei Amazon liegt in der Regel bei 9,99 Dollar. "Da kauft doch keiner das teurere E-Book", sagt Biel.

Selbstmachen, Bewusstsein für handwerkliche Qualität und Tradition sowie ein Auge für gute Gestaltung scheinen in den USA allgemein ein Trend zu sein. Unter den unabhängigen Verlagen setzen viele auf den Wert des Handgemachten, zum Beispiel Chance Press in Oakland, die ausschließlich Bücher in Kleinstauflagen veröffentlichen und versuchen, moderne Druckmethoden mit traditionellen Techniken wie Handpresse und Fadenheftung zu kombinieren.