13 Millionen Schriftsteller leben in Buenos Aires, sagt man im Scherz: Es gibt wenige Orte auf der Welt, an denen so viel publiziert und gelesen wird, an denen die Dichte der Buchläden höher wäre. Entsprechend unüberschaubar ist die aktuelle argentinische Literatur. Legt man einige der besten neuen Texte aus diesem großen Literatenland nebeneinander, entsteht der Eindruck: Sie alle haben eine politische Dimension.

Seit einigen Jahren ist die Politik in die argentinische Gesellschaft zurückgekehrt. Keine andere Phase der eigenen Geschichte hat in den vergangenen Generationen die argentinische Literatur so beschäftigt wie die Militärdiktatur (1976-1983), die seit 2005 endlich juristisch aufgearbeitet wird. Etwa ein Viertel der Neuerscheinungen befasst sich direkt mit dieser Zeit. Wie groß die Zahl der Texte ist, die in der Gegenwart spielen, die Diktatur aber untrennbar in sich tragen, ist schwer zu bemessen. Man möchte aber sagen: Sie ist hoch.

Um die dreißigtausend Argentinier verschwanden während der Diktatur. Viele Todesfälle sind bis heute nicht aufgeklärt, Menschen wurden zu Tode gefoltert und verscharrt oder betäubt aus Flugzeugen ins Meer geworfen, verwaiste Kinder gab man regimetreuen Bürgern zur Adoption. Autoren, die diese Zeit miterlebt haben, arbeiten sich nach wie vor daran ab: Gerade erschienen ist der erschütternde Roman Wir haben uns geirrt von Martín Caparrós, Jahrgang 1957, in dem ein ehemaliger Oppositioneller nach dreißig Jahren mit Informationen über das Verschwinden seiner Frau konfrontiert wird.

Caparrós beherrscht es, Worte wieder zu schärfen nach der dreißigjährigen Abnutzung, durch die eine Sprache über "diefolter" entstanden war: "Sagen wir, ich kann nicht ertragen, was wir diefolter nennen. Diefolter ist eine lapidare Bezeichnung dafür, eine nette Geste gegenüber dem Leser oder dem Gesprächspartner, eine Form von Rücksicht oder Feigheit – ein Sichducken." Caparrós’ Erzähler richtet sich mühsam auf, vermittelt uns auf eine aufwühlend gefasste Weise eine Vorstellung davon, was "diefolter" tatsächlich bedeutet haben könnte.

Auch die Bestsellerautorin Elsa Osorio widmet eine der Erzählungen ihres Bandes Sackgasse mit Ausgang diesem Thema: Sie erzählt von einer Frau, die sich auf ein Verhältnis mit ihrem Folterer einließ. Unter den verschiedenen Persönlichkeiten, die die Zeiten ihr abverlangt haben, erkennt sie sich selbst kaum mehr, als sie ihn viele Jahre später im Exil wieder trifft. Es sind immer wieder die schweren Auseinandersetzungen der Figuren mit sich selbst, der Sinn für die Ambivalenzen der Geschichte, die diese Texte lesenswert machen, die begreiflich machen, wie unauslöschlich sich die Verbindungslinien zwischen damals und heute in das Leben eingeschrieben haben.

Zum ersten Mal seit 30 Jahren ist heute eine Aufarbeitung, etwas wie Gerechtigkeit gesellschaftlich möglich. Im Jahr 1986 hatte man diesen Prozess abgebrochen, im Juni 2005 stellte der Oberste Gerichtshof die Verfassungswidrigkeit der damals in Kraft getretenen Amnestiegesetze fest. Der Diktator Videla war 1990 begnadigt worden, steht aber jetzt wieder vor Gericht.

Der Fall der Medienzarin Ernestina Noble de Herrera, zu deren Konzern die wichtige Tageszeitung Clarín gehört, ist in Argentinien zum Symbol geworden für die erbitterten Kämpfe der Aufarbeitung: Herrera hatte 1976 zwei Kinder adoptiert – nicht ahnend, dass man deren Herkunft als Kinder von verurteilten Oppositionellen mithilfe des genetischen Fingerabdrucks schon bald würde rückverfolgen können. Die Herrera-Kinder stellen sich, zum Entsetzen vieler Argentinier, hinter ihre Adoptivmutter und erschweren damit eine Verurteilung – so leicht also kann man argentinische Geschichte nicht entwirren.