Für ukrainische Mafiosi ist das Jenseits vor allem ein Ort, an dem Kreditkarten ungültig sind. Und wenn sie sterben, schickt man zwei Platinblonde mit ins Grab. Eine zur Rechten, eine zur Linken.

Das klingt mehr nach Zote als nach Poesie. Dennoch sind die Zuhörer im Berliner Deutschen Theater begeistert, als der ukrainische Dichter und Schriftsteller Serhij Zhadan dieses Bild seiner Heimat zeichnet. Schließlich ist das Thema des internationalen Literaturfestivals in Berlin Osteuropa. Dessen Gegenwartsliteratur ist voll von Gangstern, Prostituierten, Schlägern.

Man sollte aber nicht den falschen Schluss ziehen, dass die Texte von Festivalteilnehmern wie Serhij Zhadan , Natalja Kljutscharjowa oder gar Wladimir Kaminer osteuropäische Realitäten widerspiegeln. Mafiosi, Transvestiten als Priester und kaukasische Schwiegermütter sind hüben wie drüben exotische Sujets. Dass im Vergleich dazu kaum der Alltag einer urbanen Mittelschichtsfamilie beschrieben wird, hat mehr mit Moden in der Auswahl literarischer Themen zu tun, als mit der Wirklichkeit der Autoren.

Gerade auch angebliche Alltagschronisten wie der ebenfalls nach Berlin gereiste Dichter und Theoretiker Dmitri Golynko genießen es sichtlich, eine möglichst grausige Fratze Osteuropas zu zeichnen. Der Russe ist barbarisch, will nichts als fressen, saufen, ficken, könnte meinen, wer ihm zuhört. Geradezu milde scheinen dagegen die brutalen Szenen eines dystopischen Russlands, von denen Vladimir Sorokin erzählt, einer der Stars des Festivals. Immerhin spielen sie in der Zukunft und sind von vornherein als fantastisch angelegt.

Warum sind diese Topoi eines exotischen, düsteren Ostens so erfolgreich? Im Westen sind solche Stereotypen natürlich beliebt, weil sie das eigene demokratische und fortschrittliche Selbstbild bestärken. Grund für ihre Popularität im Osten ist außer der guten Exportmöglichkeit wohl eine Art regionaler Minderwertigkeitskomplex.

Den erläuterte die tschechische Journalistin Bara Procházková auf einer das Festival begleitenden Diskussionsrunde: Niemand in Ost- und Mitteleuropa nehme sich gern als östlich wahr. Selbst Georgien beanspruche, das Zentrum Europas zu sein.

Der Osten, das sind – gerade für die Bewohner des östlichen Europa selbst – immer die anderen. Indem man den rückständigen, wilden Osten zum Thema macht, betont man den eigenen Grad der Angleichung an die globale Kultur, oft als eine "Verwestlichung" interpretiert. Der Topos des exotischen Ostens dient also dazu, die Ober- von der Unterschicht zu trennen ebenso wie ein Land der Region vom anderen.