Als Henry Louis Gates Jr. nach Hause kommt, ist es heller Nachmittag. Das Auto hält vor seinem Vorgarten in Cambridge, direkt neben dem Campus der Harvard-Universität. Gates ist hier Professor, Institutsdirektor. Nun steht er also vor seinem Haus und kommt nicht rein – die Tür klemmt. Auch sein Fahrer schafft nicht, sie zu öffnen, Gates nimmt den Hintereingang. Auf einmal fährt die Polizei vor, jemand vom Harvard Magazine nebenan hat sie angerufen, man vermutete Einbrecher. Die Polizei fordert den Historiker auf, sich auszuweisen. Es hilft nichts. Er wird auf seiner Veranda verhaftet. Gates und sein Fahrer, sie sind schwarz.

Dieser Zwischenfall ist gerade einmal ein Jahr her. Es war ein Schock für die liberale Intelligenzia der USA. Präsident Obama lud Henry Louis Gates Jr. und den verantwortlichen Sergeant sogar ein, um bei ein paar Bier noch einmal über alles zu reden. Die Ära der materialistisch fundierten Gleichberechtigung, in der sich die afroamerikanische Oberschicht wähnte, erwies sich als Trugbild.

Diese gesellschaftliche Stimmung macht der Autor Stephen L. Carter zum Leitmotiv seiner Romane. Ob sein Debüt Schachmatt von 2002, Die schwarze Dame (2007) oder Schwarz und Weiß (2008), sie alle spielen in eben jener Schicht. In allen wird das Neben- und Miteinander der "dunkleren Nation" und der "helleren Nation", wie Carter sie nennt, verhandelt. Offensichtlich hat er damit einen Nerv getroffen: Seine Romane waren in den USA allesamt Bestseller. Völlig verdient.

Die Helden in Carters Geschichten sind Anwälte und Universitätspräsidenten, sie wohnen in Gegenden New Englands, die an das elegante New Haven erinnern, und besitzen Häuschen im Luxusferienrevier Martha's Vineyard. Sie kleiden sich teuer und haben einen Steinway-Flügel im Wohnzimmer. Und doch werden sie angehalten, wenn sie am Strand ihres Wohnviertels entlangschlendern wollen, der sei "nur für Anwohner". Bleiben sie mit dem Auto auf der Landstraße liegen, hält niemand an, um sie mitzunehmen. Weiße Frauen haben entweder Angst vor ihnen, wenn sie sich auf der Straße zu abrupt umdrehen, oder sie stecken ihnen verschämt ein paar Dollarscheine zu, mit einem mitleidigen "Ich hoffe, das hilft ein wenig". Und das sind keine historischen Szenen.

Seite für Seite seziert Carter ein Milieu, das sonst kaum in fiktionalen Stoffen – egal ob Roman, Film oder TV-Serie – auftaucht. Verpackt sind seine gesellschaftlichen Analysen in Krimihandlungen, mit Toten, Verschwörungen und Familiengeheimnissen. Diese Mörderplots und die umfangreichen Versuche, sie zu entwirren, machen zwar Laune, sind tatsächlich aber eher Nebensache.

Viel spannender sind die Rahmenbedingungen, in denen die kriminelle Energie dahinsimmert. Die sind in allen drei Büchern ähnlich: Der Autor entwirft Clanstrukturen, Geheimbünde, Netzwerke in der Oberschicht, deren Streben einzig darauf ausgerichtet ist, Mitglieder der "dunkleren Nation" in Entscheiderpositionen zu bringen. Über Generationen hinweg bereiten sie den Aufstieg einzelner vor und organisieren belastendes Material über diejenigen, die ihnen im Weg stehen. Bis ins Oval Office reicht ihre Macht. Nur auf diese Weise, so die Überlegung, schaffen sie es, der weißen Dominanz etwas entgegenzusetzen. Diese Netzwerkerei bildet Carter sehr elegant ab: So sind die Garlands, die Veazies, die Carlyles und die Treenes – Familienclans der drei Romane – miteinander verbunden; allesamt alter Geldadel, ursprünglich aus Harlem.

Carter porträtiert explizit jene Schicht der " darker nation ", die sich ihrem Vorbild, der dominanten WASP -Oberschicht, vermeintlich angeglichen hat. Der Originaltitel seines zweiten Romans erfasst das Phänomen präzise: New England White . Es geht allein um die Teilhabe am kapitalistischen System. Die einstige Bürgerrechtsbewegung ist längst romantisch verklärt, Kämpfer wie Malcolm X kennt man nur noch aus dem Kino.