Menschen kann man zerbrechen, Ideen nicht. Aus dieser Binsenweisheit schuf die Fernseh- und Kinderbuchautorin Suzanne Collins seit 2008 drei erfolgreiche Jugendbücher. The Hunger Games (Tödliche Spiele), Catching Fire (Gefährliche Liebe) und das vor zehn Tagen erschienene Finale der Serie, Mockingjay, erreichten in den USA eine Auflage jenseits der zwei Millionen. Auch in Deutschland verkauften sich die ersten zwei Bände bisher mehr als 200.000 Mal.

Noch ist das weit entfernt von 100 Millionen Twilight- oder gar 400 Millionen Harry Potter-Büchern, doch Collins' Geschichte hat zwei große Vorzüge: den Tiefgang und die echte politische Substanz, um Sozialkunde-, Geschichts- und Ethikstunden anzufeuern, und den harten, glatten erzählerischen Schwung von Cormac McCarthys Pulitzer-Roman Die Straße.

Dieser schnelle, grausige und intelligente Endzeitroman trägt den Titel Die Tribute von Panem: Tödliche Spiele, und auf dem deutschen Cover funkeln die grünen Photoshop-Augen des gleichen langweiligen Model-Gesichts, das auch auf jede zweite Vampir-Romanze gedruckt wird: ein Mädchenbuch? Durchaus!

Es geht um Katniss, eine ärmliche Sechzehnjährige, die sich nicht zwischen ihrem besten Freund, dem mürrischen Jäger Gale, und Peeta, dem braven Sohn des Bäckers, entscheiden kann. Glaubt man den Internet-Romantikern, geht es um nichts anderes. Halt, doch: Peeta und Katniss müssen sich gegenseitig töten, in einer riesigen Arena voller Fallen, Waffen, böser Tiere, zusammen mit 22 anderen Kindern, als Propaganda-Fernsehshow. Der Präsident hat das verlangt.

Ein staatstragendes Todesspiel, Gladiatoren und Rebellen, Reality-TV in seiner letzten Schwundstufe: Suzanne Collins stellt ältere Fragen – aber sie denkt sie weiter, rammt ihre Helden gegen jede harte Kante und ihre Leser gegen jeden moralischen Widerspruch. Brutale Klassiker wie Herr der Fliegen stellten die Behauptung auf, Menschen seien Tiere und der Mantel der Zivilisation nur täuschend dünn. Collins' Dreiteiler überquert ganz andere Schmerzgrenzen und stellt relevantere Fragen.

Panem, das ist die dekadente Hauptstadt, die alle Lebensmittel, Rohstoffe und Luxusgegenstände in zwölf entlegenen Distrikten fördern lässt. Dort hungern die Bewohner, werden gefoltert, leben in einem post-apokalyptischen neuen Mittelalter. Vor 74 Jahren lehnte sich Distrikt 13 auf, wurde zerbombt und vernichtet, und seitdem muss jeder Distrikt zwei Kinder für die jährlichen Hunger Games auslosen lassen: ein symbolisches Opfer, der Preis für Widerstand, eine Demonstration totaler Willkür und Macht.

Collins' erzählerische Souveränität spürt man, sobald Katniss mit atemloser Stimme alle Tragödien, Widerstände, kalten Wahrheiten und unlösbaren, schrecklichen Entscheidungen erklärt, die im Seitentakt wie Dominosteine in ihren Weg donnern: Sie hat die selten überzeugende Stimme eines Mädchens, stark, schnell, analytisch und zum Heulen pragmatisch; die Stimme einer Überlebenden, die sich weigert, Opfer zu sein; eine Kämpferin, ein Vorbild, ein Lichtblick – nicht nur unter den naiven Bellas, Tallys und Elenas, die sonst in diesem Genre stolpern, warten und schmachten.

 

Katniss schlägt auch in Panem Funken: Sie wird zum Publikumsliebling in der Hauptstadt und den Distrikten, aber zum Feind für die Regierung. Erst leiden ihre Mutter und ihre kleine Schwester – doch bald jede Person, die mit ihr in Berührung geriet: "Wo ich hingehe, sterben Menschen", klagt sie, und Collins macht keine leeren Drohungen. Die Hälfte ihrer Figuren stirbt sinnlos, zu früh und ohne Bedeutung.

Zuerst krankt Gefährliche Liebe an den üblichen Symptomen einer unnötigen Fortsetzung: Alles passiert von vorn, nur gesteigert, und bevor Katniss für 120 Seiten wieder mit dem Rücken zur Wand steht, kommen 260 (!) Seiten Exposition, so dröge wie Harry Potters jährliche Zwangsferien im Ligusterweg – vage Angst, nervöse Fragen, zu viel Wasbishergeschah.

Was Suzanne Collins in diesen beiden Folgebüchern erzählen will, zeigt erst der Abschlussband Mockingjay: tote Kinder im Fernsehen, pathetische TV-Beiträge, die Inszenierungen der Macht. Von Anfang an spielt Panems Medien- und Propagandazirkus eine zentrale Rolle, und Katniss durchläuft klarsichtig (aber zuweilen fast parodistisch gegenwartsnah) dieselbe Maschine wie jedes heutige Top-Model und jeder Superstar. Dabei zeigt Collins, wie Bilder vereinnahmt, Widerstand verstaatlicht wird – und wie Katniss trotzdem zu einem Symbol für Kampf und Aufruhr wird, einer Jeanne d'Arc des Realityfernsehens.

In Mockingjay wird sie dann vollends als Idee vereinnahmt, muss Symbol und Gesicht einer Revolution spielen: Kampf, Krieg und Widerstand sind Nebensache. Das Buch handelt davon, wie seine Heldin benutzt, medial missbraucht, geschminkt und gelenkt wird, wie sie Slogans aufsagt, Kostüme probiert, eine Rolle spielt, die ihr selbst immer weniger entspricht: Menschen zerbrechen – Ideen nicht. In Mockingjay ist Katniss eine Idee. Und trotzdem als Mensch zerbrochen: Sie rennt verwirrt, vernarbt, mit Drogen vollgepumpt durch eine Welt, die sie kaum versteht und nur sehr schlampig und distanziert beschreibt.

400 letzte Seiten lang kämpfen auch alle anderen überlebenden Freunde gegen Gehirnwäsche und Angstattacken, plappern hysterisch, wollen nur noch vergessen: Niemand in diesem freudlosen Finale ist er selbst, und jeder Sieg und jeder Verlust stehen in einem grauen Nebelmeer. So lange irgendwo die Kamera läuft, müht sich Katniss um ihre Wirkung: Aber sie hasst, wer sie (öffentlich) sein muss. Und sie hasst, wer sie dadurch (heimlich) geworden ist.

Der für sich allein grandiose erste Band, Tödliche Spiele, folgt einer 16-Jährigen, die durch den Blick von Kameras und Medien ein erstes Mal begreift, dass sie eine Stimme, Schönheit und eigenen Einfluss besitzt. Der dumpfe, bleischwere Mockingjay folgt der toten Hülle dieser Frau, einem lebensmüden, distanzierten Wrack. Tödliche Spiele ist das bessere Buch. Aber Mockingjay doch vielleicht leider das wahrere.