Am Nullpunkt von Tim und Struppi – Seite 1

In den Romanen Tom McCarthys geht es zumeist düster zu. Sein Buch 8 ½ Millionen handelte vom vergeblichen Versuch eines traumatisierten Multimillionärs, die eigene Vergangenheit zu rekonstruieren. Dieses Jahr veröffentlichte er in England den Roman C , in dem Ceres’ Reise in die Unterwelt nachvollzogen wird. Darüber hinaus ist der Autor Vorsitzender einer sogenannten "internationalen Gesellschaft für Nekronautik", die sich der Erforschung und Kolonisation des Todes verschrieben hat.

Nun liegt McCarthys Sachbuch über Hergés Tim und Struppi-Alben auf Deutsch vor. Dies mag den einen oder anderen Leser verwirren. Doch das Buch will nicht witzig sein. Der Brite unterliegt nicht der Versuchung altherrenhafter Comicliebhaberei, genauso wenig verleibt er die Serie auf ironische Weise der Hochkultur ein. Angeekelt äußert er sich über die "armselige Logik kulturwissenschaftlicher Seminare, die sich mit Themen wie Buffy, die Vampirjägerin als postmoderner Signifikant beschäftigen." Es geht McCarthy – ganz in der Manier der Alben selbst – um die Suche nach dem "Geheimnis der Literatur".

Der zentrale Punkt von McCarthys Deutung ist Tim. Ähnlich wie Herman Melvilles Bartleby stelle dieser die paradoxe Figur eines Schreibers dar, der nicht schreibe. Niemals betreibe der angebliche Journalist konkrete Recherchen, reise vielmehr ziellos umher und sende dabei Funknachrichten unklaren Inhalts. Er verfolge offenbar "Geheimoperationen, die in dieser Nullpunktzone des Schreibens" stattfänden. Wie passend, dass Tims Originalname Tintin im Französischen "Pustekuchen!" bedeute, und die Figur auch grafisch und inhaltlich einem "Nullpunkt der Typisierung" gleichkomme: "Er hat keine Vergangenheit, keine sexuelle Identität, keine Komplexität." Obwohl man hinzufügen muss, dass Tim zumindest im ersten Band der Serie einen längeren Artikel schreibt, der allerdings vernichtet wird, überzeugt McCarthys Deutung, gerade weil sich auch ein anderer Comicheld, Clark Kent, in dieser Nullpunktzone des Schreibens herumtreibt.

Im Fall Tims sei allerdings nicht einmal klar, ob er Fiktion oder Wirklichkeit sei. Schließlich habe Le Vingtième Siècle , die Zeitung, in welcher der Comic anfangs erschien, am 8. Mai 1930 tatsächlich Tims Rückkehr aus Moskau in Brüssel inszeniert. In dem entsprechenden Band werde auch darauf hingewiesen, dass es sich bei den Panels um echte Fotos handele, die Tim als Reporter in Russland geschossen habe. Natürlich sei das unmöglich, weil die meisten der Bilder Tim inmitten wilder Action-Sequenzen zeigten. In solchen Vieldeutigkeiten macht McCarthy das "Geheimnis der Literatur" aus.

Doch sein Interesse an Tim und Struppi ist keinesfalls nur theoretisch, sondern gilt auch biographischen und werkimmanenten Details. In diesem Sinn bemerkenswert ist McCarthys Auseinandersetzung mit der politischen Problematik der Serie, die deswegen einst verboten werden sollte. "Tim kommt aus dem rechten Lager", erläutert er mit einem Verweis auf die Zeitung Le Vingtième Siècle . Es habe sich dabei um ein katholisches, antisemitisches und kommunistisches Organ gehandelt, was sich auch in den Abenteuern Tims widerspiegele. Nach Russland reise dieser, um kommunistische Propaganda zu entlarven.

Ansonsten seien die Schurken häufig "typische Antagonisten der Rechten, Schlüsselfiguren einer großen, weltweiten Verschwörung", wie etwa der offensichtlich jüdischstämmige New Yorker Banker Blumenstein, dessen Name in der deutschen Übersetzung vorsichtshalber verschwiegen werde. Nach einer kurzen linkeren Phase, die sich etwa in der Kapitalismuskritik von Tim in Amerika niederschlage, sei Hergé dann ab 1940 sogar offiziell in die Dienste der Nazipropaganda getreten, was er während der Nachkriegszeit mühsam zu kaschieren versuchte. Interessante Ausnahme der rassistischen Tendenzen des Werkes sei die Zusammenarbeit mit dem chinesischen Künstler Tschang Tschon-Leng von 1934, die sogar die berühmte Ligne Claire des Zeichners mitgeprägt habe.

 

Auch Hergés Familiengeschichte wird behandelt. Über eine psychoanalytische Betrachtung der Comics illustriert McCarthy etwa das Verhältnis, welches der Zeichner zu seiner Mutter unterhielt, die ihre letzten Tage in einer Nervenheilanstalt zubrachte. Tims beständige Verwicklung in Wahnsinn und Magie habe hier ihren Ursprung. Wichtig für das Werk sei auch die Tatsache, dass Hergés Großvater unbekannt gewesen sei. Sind Monarchen etwa in der Serie deswegen so positiv dargestellt, weil ihr Schöpfer glaubte, dass sein Großvater königlichen Bluts war?

Für Liebhaber der Tim und Struppi-Hefte sind McCarthys Recherchen sicher unverzichtbar, eingefleischte Tintinologen könnten dagegen enttäuscht werden. Empfehlenswert ist das Buch insbesondere, weil darin einer der vielversprechendsten Autoren der Gegenwart die Grundlagen des eigenen Schaffens klärt. Die Verbindung von jungshafter Mystery, Psychoanalyse und postmoderner Theorie macht genau "das Geheimnis der Literatur" McCarthys aus.