Weltliteratur wird von Übersetzern gemacht, sagte einst der verstorbene Nobelpreisträger José Saramago. Sein Zitat bleibt in den USA seit Jahren ungehört. Lediglich drei Prozent der dort erscheinenden Bücher sind Übersetzungen aus anderen Sprachen. Von der frappierend mickrigen Zahl gilt es noch die Sachbücher abzuziehen. Unter dem Strich bleiben rund 0,7 Prozent belles lettres zurück. Das sind 340 fremdsprachige Werke, die in den amerikanischen Bücherregalen jährlich neu Platz finden.

Als Übersetzungen jenseits des Atlantiks ihre letzte Konjunktur erlebten, befand sich die Welt noch im Kalten Krieg. Zu dieser Zeit unterlag die Lektüre von Autoren wie Alexander Solschenizyn und Milan Kundera dem Übersetzungsimperativ. Amerikanische Leser wollten Einblicke in das (Über-)Leben, das politische Aufbegehren hinter dem Eisernen Vorhang. Mit Glasnost und Perestroika kamen Themenwechsel und Übersetzungsscheue.

Zwei passionierte Kritiker dieser Entwicklung sind Edith Grossman, eine Spanisch-Übersetzerin, und der Schriftsteller Aleksandar Hemon. In renommierten Blättern wie Foreign Policy spricht Grossman von linguistischer Apartheid in den Vereinigten Staaten. "Der kulturelle Isolationismus der USA ist katastrophal", klagt Hemon. Und Journalisten der Washington Pos t diagnostizieren literarische Xenophobie. Am anderen Pol der Extreme beschwichtigen Beobachter wie Tim Parks. Der britische Autor euphemisiert den Übersetzungsmangel als eine neue Form des Internationalismus.

Doch Linguisten und andere Experten halten die Übersetzungsknappheit für ein Indiz eines ernsten Phänomens: "Englisch ist eine invasive Spezies geworden", sagt Esther Allen am Center for Literary Translation der Columbia University in New York. Die Sprache fungiere nicht als Lingua Franca , wie viele behaupten. "Anstatt Literatur aus anderen Sprachen aufzunehmen, übertönt und überschreibt sie sie – sowohl in den USA als auch weltweit", sagt Allen. Ein Blick auf Deutschland gibt ihr recht: 87 Prozent der insgesamt 4.155 im letzten Jahr übersetzten Belletristiktitel gehen auf englischsprachige Originale zurück.

Autoren weltweit wissen um den Trend und nehmen Abstand von ihren Muttersprachen. "Statistiken zu Studiengängen des kreativen Schreibens in den USA und England belegen den wachsenden Anteil von Schriftstellern aus anderen Nationen", sagt Allen. Ihre Aussichten auf dem amerikanischen Markt sind generell düster. Riky Stock, die Leiterin der German Book Office in New York, berichtet, dass in den USA in den Zeiten der Megabestseller immer weniger Romane veröffentlicht, besprochen und beworben werden.

Kritiker wie Edith Grossman kennen die vermeintlichen Schuldigen an dem Status quo. Es sind die kommerziell orientierten Verlage, "diese aufgeblähten internationalen Konglomerate" (Grossman). Die Leiter dieser Bücherhäuser zielen auf Profite von zehn bis zwölf Prozent in einer Branche, in der die Gewinne generell zwischen drei und fünf Prozent pendeln. Der Druck lastet auf den Lektoren. Sie müssen möglichst bekannte Autoren mit den besten Profitaussichten anwerben. "Während der Entlassungswelle infolge der Finanzkrise scheinen besonders die Lektoren von literarischen Büchern, die keine großen Verkaufszahlen aufweisen konnten, ihren Job verloren zu haben", sagt Stock. Daher ist momentan das Gros der Lektoren wenig gewillt, Ruf oder gar den Job zu riskieren und sich hinter einen neuen, unbekannten Autor zu stellen.

Selbst bei Übersetzungen von Schriftstellern, die sich im Ausland bewährt haben, sind amerikanische Verlage zurückhaltend. Abschreckende Beispiele gibt es genug, eines davon: Jonathan Littells Die Wohlgesinnten . Der HarperCollins-Verlag erwarb die Buchrechte an dem französischen Bestseller für eine Million Dollar. Darüber hinaus zahlte er der bekannten Übersetzerin Charlotte Mandell eine großzügige Summe für die Übertragung des 1000-Seiten-Buches ins Englische. Von den anschließend 150.000 gedruckten Ausgaben des erwarteten Kassenknüllers verkauften sich im ersten halben Jahr kaum 17.000. Pannen wie diese sind keine häufige Erscheinung – aber die Verlage werden durch sie riskoscheuer.