Liebe haben wir erfunden, um Strumpfhosen zu verkaufen. Das ist ein Satz zum Einrahmen und Hinhängen. So was schnappt man beileibe nicht im Bus auf. Gesprochen hat ihn Don Draper aus der Serie Mad Men , der uns so in eleganter Manier in die Werbewelt einführt, mit der man gemeinhin andere, nicht so angenehme Assoziationen hat.

Zum Beispiel denkt man an die belegte Stimme, die in den Spielfilm raunt, dass er nach nur einem kurzen Spot weitergehe. An den Mann mittleren Alters, der gut gelaunt seinem Bauchfett davonläuft und sagt, warum er dieser Bank vertraue und keiner anderen. Oder an die durchoptimierten Bürohengste, die einander den Joghurt klauen, damit die Verdauung wieder flutscht. Das ist die andere Seite der Werbung. Zu den Annehmlichkeiten der Literatur gehört, dass sie davon bislang weitenteils verschont geblieben ist.

Gut, da waren in grauer Vorzeit die vereinzelten Bildchen von Tütensuppen, Zigarettenschachteln oder Versicherungslogos am Zeilenende. Die Pfandbriefseite in Krimis. Man erinnert sich noch an die beigelegten Weinanzeigen in Enzensbergers Anderer Bibliothek . Alfred Döblin montierte Reklamesprüche in seinem Berlin Alexanderplatz . Bret Easton Ellis führte buchhalterisch jede Klamottenmarke auf, die sein American Psycho trug. Christian Kracht begann seine Reise durchs Faserland bei Fisch Gosch in List auf Sylt mit einem Jever, aber zumindest standen hier die Produkte gewissermaßen im Dienst der Literatur.

Jetzt kommt das Wall Street Journal und fragt, was die Literatur für die Produkte tun kann in Zeiten der Digitalisierung, billigeren Büchern und Verlustgeschäften für Verlage. Leuchtet ein. Die Idee: kontextsensitive Anzeigen!  In E-Books, zurechtgeschnitten auf Leser und Werk, immer aktuell, so viel man will. Amazon hat schon längst ein solches Patent angemeldet.

Also rein in diese visionäre Lesezukunft: Kein Moby Dick mehr ohne Aufruf des WWF, einen Pottwal zu adoptieren. J.D. Salingers herumirrendem Holden Caulfield wird der neue Lonely Planet New York zur Seite gestellt. Zu Effi Briest  gibt's Pommersche Landleberwurst. Der neue Mosebach – powered by Manufactum. Die Buddenbrooks werden Ihnen präsentiert von Lübecker Marzipan und der Zauberberg von Wick Blau, damit Sie mal wieder richtig durchatmen. Oder: Sie lesen Nabokov? Dann klicken Sie Lolitas aus der Umgebung. Jetzt. Jaah.

Man kann sich einiges vorstellen. Und es wird kommen! Setzen wir uns also eine Fix Butte von Teekanne auf, kuscheln uns in lenorweiche Wohlfühlpullis von Tchibo, schmeißen uns in die samtigen Kissen unseres Habitat-Sofas oder ins Leder von Arne Jacobsen, das wir nur mit Erdal so geschmeidig halten. Dann nehmen wir unseren E-Reader von Apple, Amazon oder Sony und denken kontextsensitiv an Don Draper zurück: Literatur haben wir erfunden, um Anzeigen zu verkaufen.