Die Anzahl der Lokale, die ich ab und an aufsuche, ist zusammengeschrumpft auf ein paar ganz wenige, in denen man noch trinken und rauchen darf. Natürlich gibt es Bars, in denen man nur trinken darf und die einigermaßen gut besucht sind, nur geht man schon der Besucher wegen nicht dorthin, die, wie jeder weiß, von unglaublicher Langeweile und behäbiger Gewöhnlichkeit sind. Und natürlich verderben dort die Kinder, die neuerdings überall hin mitgebracht werden, da sie sich in derartigen Etablissements langweilen und herumzetern, die Stimmung.

Niemals würde man ja in Anwesenheit von Kindern einen Annäherungsversuch an eine Frau wagen, weil Kinder ja so unschuldig sind und gleich komisch und neugierig gucken und einen anstupsen. Und oft habe ich schon gedacht, dass die Paare, die mit Kindern immer in Cafés und in Bars herumsitzen, ihre Kinder eigentlich nur mitnehmen, um zu verhindern, dass andere Leute einander rauchend näherkommen, da sie selbst, erloschener Leidenschaft wegen, es den Leuten, die ohne Kinder da sind, einfach nicht gönnen, dass die einander sich näherkommen, weshalb sie jede Bar, die früher immer Ort der dunklen Geheimnisse, der schlüpfrigen Anbandelei und abwegigsten Frivolitäten gewesen ist, zum Kinderspielplatz verwandeln.

Überall hin werden ja heute die Kinder mitgebracht. Nicht so sehr, wie jeder weiß, weil die Eltern notgedrungen, mangels eines Babysitters, sie überall hin mitnehmen müssten, sondern weil sie, die man nur bemitleiden kann, stolz herumgezeigt werden sollen, Trophäen des gesunden Volkskörpers, die den kinderlosen Flaneur des lendenschwachen Sozialschmarotzertums bezichtigen. Mit größtmöglicher Umständlichkeit und Unachtsamkeit drängeln sich die Mütter und Väter heute mit ihren Kinderwagen in die Tram, entschleunigen so die Großstadt, enterotisieren sie durch das Geschrei ihres allen immerzu dreist präsentierten Nachwuchses, der sich ja gar nicht wehren kann gegen sein beständiges Ausstellen, Präsentieren und Vorführen.

In den wenigen Bars, in denen man noch rauchen und trinken darf, spricht man häufig, da sie ja so selten geworden sind, darüber, welch ein Vergnügen es ist, dass es noch Bars gibt, in denen man noch trinken und rauchen darf, gerade weil man weiß, dass man bald auch noch um dieses Vergnügen gebracht werden wird. Weil es ja den Leuten nicht reicht, dass es nur noch wenige Kneipen gibt, in denen man trinken und rauchen darf, nein, sie sollen ganz weg! Es muss ja immer gleich kurzer Prozess gemacht werden.

So sprachen auch der Freund, der erfolgreich etwas mit Kultur macht, und ich, als wir noch zu sehr später Stunde ein Lokal aufgesucht hatten, in dem man noch rauchen und trinken darf, und dass, nachdem wir bei mir bereits zwei ungute Flaschen Wein aus Südfrankreich getrunken hatten, erst einmal darüber, wie gut es doch ist, jetzt noch ein Lokal gefunden zu haben, in dem man noch rauchen und trinken darf.

Ich erzählte, obgleich ich vage wusste, dass ich ihm diese Geschichte schon mindestens einmal erzählt hatte, davon, dass ich vor einigen Jahren, als ich nach einem zweisemestrigen Studienaufenthalt in Amerika, der mir als entsetzlich, im Mindesten aber als völlig überflüssig erinnerlich ist, zurückgekehrt war, mir am Flughafen eine Flasche Bier kaufte, den IC bestieg, der in einem unterirdischen Trakt des Bahnhofs abfuhr, dass ich mich gleich in ein Raucherabteil setzte, mir eine Zigarette anzündete und schon kurz darauf dumpf, da mir die Zeitverschiebung zusetzte, hinaus auf eine unaufgeregte Landschaft mit sanften Hügeln schaute.

Dass man tatsächlich mit einer Flasche Bier rauchend im Zug sitzen konnte, sagte ich, ohne von den anderen Fahrgästen sogleich als verrohtes Subjekt wahrgenommen zu werden, sondern, im Gegenteil, als ein ganz gewöhnliches und zivilisiertes, schien mir zutiefst menschenfreundlich, etwas, das ich in dem Land, aus dem ich endlich entkommen war, schmerzlich vermisst hatte. Heute, sagte ich, würde ich niemals mit einer Flasche Bier das Abteil betreten, sogleich würde man nämlich als verrohtes Subjekt aufgefasst werden.