ZEIT ONLINE: Herr Maier, Ihr neuer Roman Das Zimmer ist der Ausgangspunkt eines Romanzyklus’. Was hat es damit auf sich?

Andreas Maier: Am Schreibtisch in diesem Zimmer habe ich immer gedacht: Ich möchte mich einmal an den Punkt schreiben, an dem ich etwas über mein Leben, meine Heimat, meine Familie, die Zeit, in der ich gelebt habe, sagen kann. Mir kam der Gedanke, dieses Zimmer zum Zentrum dieser Weltausschreitung zu machen. Anfangen sollte das nicht mit mir, sondern viel früher mit dem Onkel, der in diesem Zimmer gewohnt hat, als es noch ein Geheimnis für mich war.

ZEIT ONLINE: Wann wurde Ihnen klar, dass Sie über sich schreiben wollten?

Maier: Ich wollte das schon immer. Als ich etwa 15 Jahre alt war und in Friedberg an unserem kleinen Flüsschen entlanggelaufen bin, und die Sonne über der Wetterau unterging, dachte ich: Jetzt bist du hier, und was machst du damit? Mit der Sonne, dem Fluss, der Wetterau? Das war einer der Gründe, warum ich angefangen habe zu schreiben. Nur dass das Schreiben eine schwierige Sache ist. Bei meinen bisherigen Romanen habe ich immer ein gewisses Unbehagen gespürt, weil ich wusste: Das ist es noch nicht wirklich. In den letzten fünf, sechs Jahren hat sich jedoch etwas ganz anderes entwickelt. Ich komme mir langsam näher.

ZEIT ONLINE: Gab es einen Anlass?

Maier: Ich war immer ein Romanautor, der schleppend langsam relativ umfangreiche Romane geschrieben hat. Ich konnte gar nichts anderes. Für die ZEIT habe ich auf Ulrich Greiners Bitte irgendwann einen Artikel geschrieben und darin zum ersten Mal "ich" gesagt, anders als in den Romanen. Ich bekam dann mehr Anfragen von Zeitungen, schrieb einigermaßen verrückte Texte, bald bekam ich sogar eine Kolumne. Bei der Frankfurter Poetikdozentur 2006 habe ich erstmals länger von mir erzählt. Bis dahin wusste ich gar nicht, dass ich für mein Leben einen Wortlaut habe.

ZEIT ONLINE: Auch Das Zimmer wird von einem Ich erzählt.

Maier: Aber dieses Ich kommt eigentlich noch nicht vor, nur einmal als Kind. Der Erzähler sitzt in der Gegenwart herum und erinnert sich oder stellt sich alles vor. Erst mit dem ersten Satz des zweiten Teils des Zyklus’, Das Haus , wird der Ich-Erzähler mit voller Orchestration auftreten.

ZEIT ONLINE: Könnte man den Zyklus als eine Art Heimatgeschichte beschreiben?

Maier: Die "Ortsumgehung" ist keine Heimatgeschichte, obwohl es immerfort zu Hause spielt. Es ist in erster Linie eine Krankheitsgeschichte. Der Versuch einer Rekonstruktion dessen, warum ich so bin, wie ich bin. In zweiter Linie ist es die Rekonstruktion einer Glaubensentwicklung, ein immer näher Hinkommen zum lieben Gott.

ZEIT ONLINE: Warum arbeiten Sie sich dafür durch die eigene Heimat?

Maier: Das hat mindestens einen Grund: Mir geht es nie um Erinnerung oder Bewahrung von etwas, sondern darum, einen rhetorisch-polemischen Standpunkt zu uns Menschen und unseren zivilisatorischen Handlungen einzunehmen. Dafür dient mir die Zeitspanne zwischen früher und jetzt. Indem ich auf ein Früher verweise oder meine eigene Heimat, nicken plötzlich alle verständnisvoll und haben dieses Gefühl, früher sei irgendetwas besser gewesen. Früher war im Leben nie irgendetwas besser gewesen. So lange es die Menschheitsgeschichte gibt, ist es eine Katastrophengeschichte.

ZEIT ONLINE: Die Leser sollen selbst drauf kommen, was sie so anrichten.

Maier: Ja, man kann das nicht theoretisch vermitteln, man muss die Leute dahin bringen, dass sie dieses Dilemma, das sie sind, ein wenig erfühlen. Sie müssen ein bisschen angekotzt sein von sich selbst. Vielleicht ist das ein Grund, warum ich den Begriff Heimat durcharbeite und ihn zum Kampfbegriff mache. Nicht gegen die Gegenwart, sondern gegen uns, wie wir zu jeder Zeit sind und waren.

ZEIT ONLINE: Im Zimmer steht der schon erwähnte Onkel im Zentrum. Was ist das für eine Figur?