Wie es dazu kam an diesem 10. April, ist bis heute ungeklärt. Stuart Sutcliffe starb 1962, Hirnblutung mit 22 Jahren. Im Krankenwagen, bis zuletzt, saß Astrid Kirchherr neben ihm, seine Freundin und Seelenverwandte. Ihre Liebe war nur kurz. Vom Rand der Pophistorie erreicht uns diese Romanze. Die Erzählung von der Hamburgerin und dem Liverpooler. Sie Fotografin, er der vergessene fünfte Beatle, Bassist von Lennons Gnaden. Ein Comicbuch erinnert nun an ihre tragische Geschichte: Baby’s in Black , gezeichnet von Arne Bellstorf, Hamburger wie Kirchherr, Jahrgang 1979.

Im noch überschaubaren Kreis deutscher Zeichner ist sein Name schon recht gut bekannt. Bellstorfs Debüt, seine Diplomarbeit, führte raus in die manikürten Vorgärten: Acht, neun, zehn erzählte vom herumpubertierenden Christoph inmitten von Garageneinfahrten und Hecken, von der bleischweren Reihenendhausödnis der Vorstädte. Es wurde übersetzt fast überall, wo's Adoleszenz gibt, sogar nach Polen und Südkorea. Dort weiß man spätestens jetzt, dass es die schlimmste Zeit des Lebens ist, in Wahrheit nicht wild und aufsässig, sondern picklig und doof.

Seine neuen 204 Seiten beginnen im Jahr 1960, als der Rock 'n' Roll nach Hamburg kommt, ins Halbdunkel der verrauchten Kellerclubs entlang der Reeperbahn. Astrid Kirchherr begleitet ihren guten Freund Klaus Voormann zu einem Konzert einer bis dahin unbekannten Band: "Ich verspreche Dir, Du wirst es nicht bereuen", sagt Klaus, und sodann stehen sie im Kaiserkeller, umbraust von Dizzy Miss Lizzie . Astrid fällt der Bassist auf, der sich hinter einer dunklen Sonnenbrille versteckt. Der schöne Mann auf der Bühne. Sie macht Fotos. So lernen sie sich kennen.

Durch sieben Kapitel folgt Bellstorf den beiden. Astrid mit dem Pagenkopf, dem schwarzen Rollkragenpullover vom französischen Flohmarkt. Sie liebt Baudelaire, Sartre und de Beauvoir. Dann Stuart: kein Talent für die Musik, aber durchaus ein begabter Maler. Der James Dean von Hamburg heißt er bald. Er entschließt sich, dort zu bleiben. Kunststudium an der Hochschule. Die Beatles reisen ab, werden ohne ihn berühmt. Bellstorf wahrt höflich Abstand: Bis zum ersten Kuss von Stuart und Astrid am nebelverhangenen Elbufer braucht es 75 Seiten.

Der Zeichner erzählt keine Geschichte über heißgelaufene Herzen. Die Liebe der beiden ist zaghaft, schüchtern, von Sorgen und Zweifeln geplagt. Sie rauchen im Bett. Zeigen sich Fotos. Sie verloben sich und träumen von einer Hochzeit in Paris. Bald sind da Stuarts Kopfschmerzen, die Sehschwächen, die zunächst schubhaft kommen, dann leidet er immer heftiger. Seine Bilder werden düsterer, schließlich nachtschwarz. Bis zum Unglück, nach nur zwei Jahren.

Dem Zeichner hat Astrid Kirchherr die Ereignisse selbst erzählt. In einem Film war er auf die Geschichte gestoßen. Zwei Jahre hat er gebraucht, seine Interpretation in Panels zu setzen, konstruiert aus Sedimenten von Vergangenheit: Fotos, Briefen, der bloßen Erinnerung. Die tiefe Melancholie dieser Tage hat er eingefangen in Bleistift und Aquarell. Gehalten in Schwarz-Weiß, so wie der Titel es will. Den stupsnasigen Figuren verleiht ihr Schöpfer eine bemerkenswerte Ausdruckskraft. Selbst die kleinste Gefühlsnuance, jeden Anflug von Freude oder Trauer bringt Bellstorf kunstvoll aufs Papier. Die grazile Astrid und dieser rätselhafte Stuart, und auch der exzentrische Lennon und der schluffige McCartney.

Baby's in Black trägt auch Züge einer Milieustudie. Sie kontrastiert die puppenstubenhafte Bürgerlichkeit und die Anfänge der Subkultur mit den sehnsuchtsvoll verhuschten Kunststudenten. Bellstorf verknüpft sie in seiner dichten Erzählung, die dem Aufstieg der Beatles zur größten Band der Welt vergleichsweise wenig Platz einräumt. Die Musiker erscheinen eher wie gute Freunde. Der John, der Paul, der George und der Pete, die durchs grob gestrichene Hamburg laufen. Ringo kam erst später.

Astrid Kirchherr sagt, Stuart Sutcliffe sei die Liebe ihres Lebens gewesen. In seinem Comic hat Arne Bellstorf ihr ein gekonntes, respektvolles Porträt gezeichnet. Eine Geschichte über diese verfluchte Flüchtigkeit des Glücks.