Ausgerechnet ein alter, weißer Engländer: Howard Jacobson erhält den Nobelpreis unter den britischen Literaturauszeichnungen. Für sein Buch The Finkler Question bekommt er den Man Booker Prize 2010. Noch vor ein paar Jahren beschimpfte er den Preis als abscheulich. Jacobson war ein Außenseiter in allen Wettbüros und der gepriesene Roman ein Ladenhüter auf der Verkaufsliste. Ist das Urteil der Jury nun besonders überraschend oder besonders bookeresk?

Der Booker Prize gilt als State-of-the-Empire-Preis. Er beschränkt sich auf englischsprachige Romane aus Großbritannien, dem Commonwealth, Irland und Simbabwe und schließt die USA aus. Im Dezember des Vorjahres werden stets die Jurymitglieder verkündet, später gibt es eine Longlist, dann eine Shortlist, und zehn Monate später, im Oktober, wird die Auszeichnung endlich verliehen. Eine lange Phase der öffentlichen Aufmerksamkeit, die sich vermarkterisch bestens nutzen lässt. So ist es kein Zufall, dass das Konzept des Booker Prize' vielen anderen Literaturpreisen zum Vorbild dient, auch dem Deutschen Buchpreis.

Der Kern dieser Würdigung liegt im Gesprächswert. Der Booker Prize prämiert Exzellenz und bietet Anlass zur Diskussion. Die alljährlichen Mediendebatten kreisen um die Position der Literatur zwischen l'art pour l'art und den Regeln des Buchmarkts. Allen voran stellt sich die Frage nach den Jurykriterien: Was macht das beste Buch des Jahres aus?

Hätte Tom McCarthy mit seinem experimentellen Roman C gewonnen, hätte er den Andrang in den Wettbüros bestätigt und wäre, wie die letztjährige Gewinnerin Hilary Mantel, als Favorit ans Ziel gekommen. Emma Donoghues Room hätte wohl einem Vergleich mit Mark Haddons preisgekröntem The Curious Incident of the Dog in the Nighttime nicht standgehalten. Wäre der australische Autor Peter Carey mit seinem auffällig unaustralischen Roman Parrot and Olivier in America erfolgreich gewesen, wäre er der erste dreimalige Booker-Gewinner und erscheine noch bedeutender als J.M. Coetzee. Andrea Levys The Long Song wäre sicherlich mit ihrem 2004 Bestseller The Small Island verglichen worden, und Damon Galguts In a Strange Room würfe Fragen bezüglich der Fiktionalität des sehr autobiografischen Werkes auf.

Die Ehrung von Howard Jacobsons The Finkler Question bedient gleich mehrere Debatten. Die Geschichte des Nichtjuden Julian Treslove dreht sich um die Freundschaft mit seinem Rivalen Sam Finkler und ihrer beider Lehrer Libor Sevcik, beide Juden, beide kürzlich verwitwet, und beides – wie sich herausstellt – zu Tresloves Neid. Der Witz des Romans findet sich folglich nicht nur in der pointierten Sprache Jacobsons, sondern vor allem in der Konstellation der Charaktere und dem Oszillieren zwischen Selbstironie und Selbsterklärung.

Als Komödie spielt der Roman mit Fragen des Genres, die in früheren Jahren anhand von Krimi- oder Thriller-Romanen verhandelt wurden. Etwa zuletzt 2008, als Tom Rob Smiths Child 44 nominiert war: Verdient ein komischer Roman den Booker Prize? Jacobson selbst hat wenige Tage vor seinem Erfolg für mehr Beachtung des Komischen in der Literatur plädiert.

Er ist einer der ältesten Booker-Gewinner und dieser sein vierzehnter Roman. Ein Preis für sein Lebenswerk? Jacobson wurde bereits 2002 für Who's Sorry Now und 2006 für Kalooki Nights nominiert (damals wäre das Preisgeld von 50.000 Pfund noch rund 75.000 Euro wert gewesen, heute ca. 57.000 Euro). Dies brachte ihm wie Julian Barnes oder Margaret Atwood den Beinamen der ewigen Brautjungfer ein. Wie einst bei ihnen wird nun nach der Berechtigung dieses Erfolgs gefragt: Ist Jacobson einer der erstklassigen Autoren, die für ein zweitklassiges Buch ausgezeichnet wurden? Kalooki Nights gilt als anspruchsvoller als der diesjährige Roman, der sich den Kritikern als authentisch jüdischer Roman anbietet, aber lediglich deren verklärte Vorstellungen trifft.

Jacobson wurde als britischer Philip Roth bezeichnet. Der Autor entgegnete, er sei doch vielmehr eine jüdische Jane Austen. Damit berührt er eine weitere, zentrale Frage des Booker Prize', die nach der Identität, Authentizität und Legitimation: Hat er mit The Finkler Question den großen jüdischen Roman geschaffen? Ist ein raffiniertes, kluges, zugleich komisches wie trauriges Buch der Inbegriff des jüdischen Romans?

Sein Erfolg jedenfalls ist ein verdienter Sieg in jeglicher Hinsicht: The Finkler Question ist ein Meisterwerk der Tragikomik, rückt den britischen Roman näher an die zeitgenössischen, amerikanischen Romane und erweitert den State of the Empire um eine jüdische Komponente.