"Sie wusste, dass meine Eltern während der Diktatur verschwunden waren. Dies zu erwähnen ist gleichsam meine Visitenkarte." In jeder von Felix Bruzzones Erzählungen in 76 zieht eine seiner Figuren gleich beim Kennenlernen diese Karte: "Hier, damit Ihr gleich wisst, worum es geht", heißt es, "das ist mein Thema, darum dreht sich mein Leben".

Bruzzone erzählt eine Geschichte in vielen Variationen: ein Mensch, seiner Eltern beraubt, auf der schmerzvollen Suche nach sich selbst. Vielleicht gehören seine Erzählungen auch deshalb zum Besten, was die junge Argentinische Literatur zurzeit zu bieten hat: weil sie erzählt werden müssen. Weil man spürt, dass dieser Autor aus einer unbedingten Notwendigkeit heraus erzählt, und dabei sein Handwerk beherrscht.

Im Jahr '76 passierte alles: Im März 1976 putschte Argentiniens Militär, kurz vor Bruzzones Geburt im August "verschwand" sein Vater, im November dann auch seine Mutter. Isabél Perón war gestürzt und das Land in eine bis 1983 andauernde Militärdiktatur überführt worden. Während der Diktatur unterhielt die argentinische Luftwaffe auf dem "Campo de Mayo" in einer Vorstadt von Buenos Aires, nicht weit von Bruzzones Wohnort entfernt, insgesamt vier Folterzentren. Die Verhafteten wurden dort gequält, unter Drogen gesetzt, in Flugzeuge verfrachtet und über dem Atlantik ins Meer geworfen – ein Tod, den auch Bruzzones Mutter erlitt.

Bruzzones zentrales literarisches Interesse in 76 ist es, zu benennen, auf welche Weise in Argentinien das Einbrechen des Öffentlichen ins Private stattfindet. Bruzzone schreibt nicht unmittelbar über die schweren, schrecklichen, donnerschlagartigen Schicksalsschläge der siebziger und achtziger Jahre, sondern über ihre vielen Spuren in den Leben der heutigen Menschen. Oft sind es sehr feine, sehr unscheinbare Dinge, die das Politische in den Alltag seiner Figuren tragen. Bruzzone versteht es, uns zu vermitteln, warum diese kleinen Dinge – das von der Nässe geglättete Haar einer Frau in einer Pornozeitschrift, das Wort "Moreno", ein durstig geleerter Pappbecher, ein Frösteln, das dem Vergessen schmerzhafter Erlebnisse vorausgeht – ungeheuer wichtig sind, warum in ihnen das ganze Drama seiner der Kindheit nie ganz entsteigenden Helden zum Ausdruck kommt. Bruzzone schiebt in seinen Erzählungen Vergangenheit und Zukunft zu einer fragilen Gegenwart ineinander, in der seine Erzähler die Dinge, die sie wissen müssen, nie erfahren und die Menschen, die sie umgeben, nie erreichen.

Bruzzones Schilderungen sind so poetisch wie lapidar, ganz besonders, wenn er Begegnungen mit Frauen schildert, die seinen Erzählern auf eine fast liebevolle Weise fremd bleiben. In vielen Beschreibungen ist noch das Kind zu sehen. Wie etwas das, das zum ersten Mal einen Playboy betrachtet: "Auf dem Umschlag ein beinahe nacktes Mädchen, schwarz die Haare, die Lippen aufgeworfen, die Haut zart wie von Aprikosen, und ihre Augen heften sich auf dich."