Dies ist also, wie man überall hört und liest, die Buchmesse der Digitalisierung. Es wird nicht mehr lange dauern, so prophezeien Experten, bis ein Fünftel aller Bücher auf dem deutschen Markt in digitaler Form verkauft werden. Man kann davor Angst haben, wie so viele Autoren, die zu Recht um ihre Rechte fürchten, oder der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der mit einer eigenen Download-Plattform ins Rennen gegangen ist, die von Beginn an, nun ja, gewisse Probleme hatte. Oder man kann all das auch einfach als das betrachten, was es derzeit auf dem deutschen Markt noch ist: eine Marginalie. Oder doch nicht?

Probieren wir es am Suhrkamp-Stand. Schließlich ist das ein Verlag, der Autoren verlegt, die immer und zu allem etwas zu sagen haben. Frage an die Pressechefin Tanja Postpischil: "Wo finde ich denn jetzt die Digitalisierung?" Sie zögert nicht lange, deutet mit dem Daumen in Richtung Hallendecke und sagt: "Da oben, die Digitalisierung ist immer da oben."

Da oben ist Halle 4.2. Es ist eine Parallelwelt, durch die man schreitet; eine Welt, die mit dem gemeinen Lesen von Literatur nichts mehr zu tun hat. Die Welt des Business und des rasenden Datenaustausches. Vielleicht ist das die Welt, vor der alle Angst haben; in der all das bereits stattgefunden hat, was den belletristischen Verlagen noch droht. Da sieht man ein Plakat, darauf ein dickes Buch, daneben der Satz: "Problem: Minimum 10 hours." Daneben ein Computerbildschirm und der Satz: "Solution: Maximum 10 minutes." Ist das die Zukunft?

Ein Geschoss tiefer, wieder am Suhrkamp-Stand: "Ich habe die Digitalisierung gesehen und kein Wort verstanden." Die Pressechefin: "Das geht mir auch oft so." Gute alte Suhrkamp- und Bücherwelt. Am Stand steht der Schriftsteller Andreas Maier. Mit ihm kann man ein paar Schritte über die Messe gehen. Er sagt: "Für mich ist die Messe vor allem eines: die Produktion eines riesigen Haufens Müll." Er meint das nicht symbolisch.

Buchmesse - Kathrin Passig über E-Books

Vor uns eine dichte Menschenmenge. Da sitzt einer auf dem Podium, der aus einem Roman von Bret Easton Ellis entstammen könnte: Er sieht fast aus wie Bret Easton Ellis; er behauptet auch, Bret Easton Ellis zu sein und redet auch über Imperial Bedrooms , den neuen und im Übrigen sehr schlechten Roman von Bret Easton Ellis, könnte aber auch dessen Doppelgänger sein. Bei dem weiß man ja nie, was noch passieren kann. Jedenfalls trägt er eine dicke schwarze Intellektuellenbrille und redet über seine Krisen. Ist vielleicht doch der Echte. Ein paar Meter weiter trifft man die Pressefrau des Münchener Literaturhauses, die genau so lange Zeit hat für ein Gespräch, bis der Name Bret Easton Ellis fällt. Da verfällt sie in ein teenagerhaftes Quieken und rennt mit den Worten "Den muss ich sehen" davon. Es wird Zeit für das erste Bier des Tages.

Die Digitalisierung ist weit weg; in Frankfurt scheint die Sonne; auf der Terrasse vor Halle 3 ist schon am Mittag Feierabendstimmung. Da steht auch der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm und tut das, was er immer tut, wenn man ihm begegnet: rauchen und freundlich sein. Er hat kein neues Buch und keine Termine, sondern schlendert einfach nur so über die Messe, zum Spaß, hat aber die Digitalisierung auch noch nicht gefunden. Unterdessen begegnet einem überall, wo man geht und steht, der Schriftsteller Thomas Lehr, der eine Kamera dabei hat, und eine Jury hat den kuriosesten Buchtitel 2010 gekürt: Zehn Tipps, das Morden zu beenden und den Abwasch zu beginnen , ein Roman des Isländers Hallgrímur Helgason. Man verlässt die Messe in Richtung Klettenbergstraße.