Als Carlos' Gefährtin Estela im Jahr 1977 von Militärs abgeholt wurde, ist sie schwanger mit dem gemeinsamen Kind. Seither hat Carlos sie nicht wieder gesehen. Er weiß nicht einmal, ob sie umgebracht wurde oder die Haft wider alle Wahrscheinlichkeit überlebt hat. Diese Ungewissheit und die Vorstellung dessen, was mit seiner Frau geschehen sein mag, verfolgt ihn sein ganzes Leben.

Welchen Sinn hatten der gemeinsame Kampf und Estelas Tod? Wozu ist das Überleben nütze? Diese Frage stellt der argentinische Schriftsteller Martín Caparrós in seinem Roman Wir haben uns geirrt , der im Berlin Verlag erschienen ist. Es hat keinen Sinn und nützt niemandem, antwortet seine Hauptfigur Carlos. Er ist ein ehemaliger Widerstandskämpfer, ein Überlebender, der angewidert ist von seiner eigenen Geschichte und dem Umgang der argentinischen Gesellschaft mit ihr.

Wie geht das überhaupt, weiterleben nach dem Ende der Diktatur? Es ist nicht einfach in einem Land wie Argentinien. Erst jetzt, Jahrzehnte später, beginnt die Gesellschaft, sich mit den Verbrechen von damals auseinanderzusetzen. In Gang gesetzt wurde die juristische Aufarbeitung vom ehemaligen Präsidenten Néstor Kirchner. Seine Frau Cristina, die jetzt das Amt des Staatsoberhaupts innehat, setzt sie fort.

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In den Jahren der Diktatur von 1976 bis 1983 ließen die Militärs 30.000 Menschen verschwinden, weit mehr als in anderen Ländern Südamerikas. Ihre Folterzentren waren über das ganze Land verteilt, viele Hunderte soll es gegeben haben. Durch blickdichte Kapuzen über dem Kopf wurden die Gefangenen in Dunkelheit gehalten. Man band sie auf Bettroste und "grillte" sie, wie es im Jargon der Soldaten hieß, mit Elektroschocks. Schwangere weibliche Häftlinge mussten ihre Kinder gefesselt und mit verbundenen Augen zur Welt bringen. Dann nahm man ihnen die Säuglinge weg und tötete die Mütter.

Ihre Kinder wuchsen in den Familien der Mörder auf. Erst durch DNA-Tests, die durch das Drängen von Menschenrechtsorganisationen systematisch durchgeführt wurden, erfuhren manche, wer ihre wirklichen Eltern waren. Andere wollen es bis heute nicht wissen, wie etwa die angenommenen Kinder der Pressezarin Ernestina Herrera de Noble.

Es ist eine zutiefst verletzte Gesellschaft, die Caparrós in seinem Buch zeigt. Er beschreibt die Wunden nicht bloß, er sticht hinein und legt sie offen. Seine Sätze sind wie Giftpfeile. Niemand wird von seiner Hauptfigur geschont: Nicht die Subversiven von damals, die in ihrer Naivität bereit waren, ihr Leben für eine gerechtere Welt zu geben, aber nicht fähig waren, irgendetwas zum Besseren zu wenden. Sie sagen von sich selbst: "Wir sind der letzte Dreck." Nicht die linken Politiker der Gegenwart, die ihre Überzeugungen für ein wenig Macht hergaben und das Schicksal ihrer verschwundenen Kampfgefährten jetzt wie eine Monstranz vor sich hertragen: Sie reden "über die heldenmütigen Toten, um zu rechtfertigen, das ihr immer noch am Leben seid und einen Scheiß von dem macht, was die Toten gern gemacht hätten".

Natürlich kommen auch die Täter von damals nicht ungeschoren davon. Caparrós findet selten scharfe Worte, um "die Folter" zu beschreiben, die sie an ihren Gefangenen verübten. Doch es geht ihm weniger um die damaligen Verbrechen als um den heutigen Umgang mit ihnen. Die Protagonisten seines Buches, einsame, sprachlose, verhärtete Menschen, scheitern an der Aufarbeitung ihrer Geschichte.