ZEIT ONLINE: Frau Waldman, sie wurden 2005 berühmt-berüchtigt, als Sie in der New York Times über Ihre vier Kinder schrieben: "Wenn eine gute Mutter ihr Kind mehr liebt als alles andere auf der Welt, dann bin ich keine gute Mutter. Tatsächlich bin ich eine schlechte Mutter. Ich liebe meinen Ehemann mehr als meine Kinder."

Ayelet Waldman: Damals galt das als ketzerische, furchtbare These. Leserinnen haben durch Restaurants gebrüllt. Bei Oprah Winfrey wollte mir eine Frau aus dem Publikum an den Kragen.

ZEIT ONLINE: Wer fühlte sich von Ihrer These provoziert?

Waldman: Reiche Frauen in unglücklichen Ehen, glaube ich. Frauen, die ihre Wut und ihre zerplatzten Träume auf ihre Kinder übertragen hatten. Welches Recht hatte ich, zu sagen, sie machen einen Fehler? Man sah mich als Bedrohung, und es ist interessant, wie schnell das geht, sobald man über Frauen – besonders über wohlhabende – schreibt. Mein Text wurde zu einem Rohrschachtest. Die Leserinnen nahmen ihn sehr persönlich, erkannten sich selbst wieder und fühlen sich falsch dargestellt.

ZEIT ONLINE: Insgesamt haben Sie 18 Texte über Mutterschaft und Erfolgsdruck geschrieben. In Deutschland erschienen sie unter dem Titel Böse Mütter: Meine mütterlichen Sünden, großen und kleinen Katastrophen und Momente des Glücks (Klett-Cotta, Stuttgart 2010). Am Anfang, nach der Geburt Ihrer ersten Tochter, waren Sie noch berufstätig. Dann wollten Sie Ihre Tage lieber auf dem Spielplatz verbringen?

Waldman: Ja. Aber ich glaube, es hatte viel mit Neid zu tun: Ich habe hart gearbeitet, und dann rief mein Mann (der Schriftsteller Michael Chabon, Anm. d. Redaktion) an und schwärmte, wie schön sie gerade spielen. Er schrieb nachts und hatte tagsüber frei, also konnte er Spaziergänge machen, Bücher kaufen gehen. Er hat Fotos von unserer Tochter gemacht, in immer anderer Kleidung, er hat sie x-mal dafür umgezogen! Erst war ich eifersüchtig, dass er so lange bei ihr war. Dann wurde ich eifersüchtig, dass sie so lange bei ihm war. Ich dachte, wenn ich daheim bleibe, könnten wir Reisen machen und immer zusammen sein. Und alles wäre wundervoll und leicht!

ZEIT ONLINE: Stattdessen war Ihr Hausfrauen-Dasein dümmlich und grau.

Waldman: Das stimmt. Denn plötzlich war ich niemand mehr: Meine einzige Rolle war Mutter. Ich wurde depressiv, so monoton war mein Alltag. Bevor die Kinder kamen, war ich Strafverteidigerin. Jetzt gab ich nur noch Unterricht für eine einzige Klasse, abends. Ich fühlte mich wie eine Mama, die nebenher eben ein bisschen doziert.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie kein schlechtes Gewissen, dass Sie die Zeit mit Ihren Kindern kaum genossen haben?

Waldman: Ich habe mich sehr dafür geschämt, wie wenig ich alles mochte. Es war furchtbar, nicht jede Minute zu genießen. Aber ich konnte mich auch nicht zwingen. Ich sagte mir: Du musst das tun! Du musst es mögen! Ich kam mir vor, als würde ich ständig scheitern.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Mutterschaft wird in der Gesellschaft falsch dargestellt.

Waldman: Mutter zu sein ist kein endloses, dauerndes Vergnügen. Doch wenn eine Mutter nicht ständig überglücklich ist, wird ihr ein Fehlverhalten oder Defizit suggeriert. Eine zweite Lüge ist, dass es für jede Erziehungsfrage eine verbindliche Lösung gibt, und es Kindern gut tut, wenn wir jede Sekunde ihres Lebens beobachten und planen. Ich glaube, Kinder brauchen von uns Eltern das genaue Gegenteil. Auch, wenn ich selbst viel Zeit brauchte, um das zu lernen: Dass meine Kinder sich viel besser in der Welt bewegen können, wenn ich mich nicht mehr ständig einmische. Mein ältester Sohn war neulich krank, und ich schrieb E-Mails an seinen Lehrer, um einen neuen Termin für seine Prüfung auszumachen. Dann dachte ich: Er ist 13. Das kann er doch wohl selbst entscheiden! Oder wissen Sie, was ein Play-Date ist? Gibt es das in Deutschland?

ZEIT ONLINE: Ja, wenn Mütter ihre Kinder zum Spielen mitbringen.

Waldman: Ich kann schon nicht mehr zählen, wie oft diese Mütter in mein Haus gekommen sind. Ich verstand plötzlich: Die wollen gar nicht mehr gehen! Die bleiben einfach hier – ein Play-Date für uns alle, Mütter und Kinder. Ich will kein Play-Date! Ich will mich hinsetzen und meine New York Times lesen, statt Zeit mit diesen ...

ZEIT ONLINE: Ja?

Waldman: ... reizenden Frauen zu verbringen! Den Kinder ging es gut. Die hätten ohne uns viel mehr Spaß!

 "Es ist wichtig, konkrete Rollen zu verändern"

ZEIT ONLINE: Wem nützt denn das kollektive Bild dieser entspannten, fröhlichen, unternehmungslustigen Mutter?

Waldman: Ich glaube, im Moment verschieben sich drei wichtige Dinge. Zum einen sind mehr Frauen als je zuvor berufstätig. Zugleich gilt ausgerechnet jetzt eine Frau nur dann als gute Mutter, wenn sie pausenlos bei ihren Kindern bleibt und keine Ziele für sich selbst steckt. Meine eigene Mutter stieß uns die Haustür auf und sagte: "So, wir sehen uns heute Abend!" Heute ist Mutterschaft eine dauernde Anstrengung: Du musst selbst mitspielen. Du musst die Kekse selbst backen.

ZEIT ONLINE: Was ist die dritte Veränderung?

Waldman: Dass gerade, als der Anspruch an die Mutterrolle utopisch hoch wird, auch der Anspruch an die Arbeitnehmer wächst. Als kleines Mädchen konnte ich abends um halb sieben alle Väter sehen, die aus dem Zug stiegen, der sie von New York zurück zu ihren Familien brachte. Heute nehmen solche Väter den Acht-Uhr-Zug, den Acht-Uhr-Dreißig-Zug. Vierzig Stunden im Büro sind nicht mehr genug.

ZEIT ONLINE: Trotzdem, wer hat etwas davon, Frauen wieder neu an den Herd zu drängen?

Waldman: Ein Freund von Verschwörungstheorien würde jetzt sagen, indem Karriere und Kind unvereinbar bleiben, wahrt das Patriarchat seine Vormachtstellung. Aber vielleicht ist es viel wichtiger, konkrete Rollen zu verändern, umzudenken, denn sowohl die Arbeitswelt als auch die Familienpolitik werden menschenfreundlicher, wenn Frauen von ihren Männern mehr Unterstützung fordern, und diese Männer dann auch alle Vor- und Nachteile im häuslichen Bereich an eigener Haut erleben. Ich glaube, solche Männer werden dann auf Veränderungen drängen und die Familien entlasten.

ZEIT ONLINE: Ihr Mann hat vergangenes Jahr ein paar Essays über Kinder und Familie gesammelt, Manhood for Beginners. Er schreibt über dieselben Sorgen in derselben Familie. Aber er klingt dabei viel fröhlicher: Kind sein ist bei ihm ein großes Abenteuer, die Vaterschaft eine sehr große Freude. Hat er es leichter, als Mann? Oder ist er einfach der fröhlichere Mensch?

Waldman: Ich glaube, Vaterschaft ist ganz anders belegt. Um als Vater gelobt zu werden, reicht es oft einfach, vorhanden zu sein. Wer dann noch mehr leistet, ist gleich ein strahlendes Vorbild! Darum dachte ich auch früher, ich muss meine Töchter zu charakterstarken Frauen erziehen, stark genug, um mit ihren Männern  über häusliche Pflichten zu verhandeln. Doch ich merke heute, dass es noch wichtiger ist, Jungen zu erziehen, für die all diese Pflichten selbstverständlich sind. Nicht einfach Frauenarbeit!

ZEIT ONLINE: Worüber klagt die überhaupt?, beschweren sich ein paar Kritiker: Sie haben in Harvard studiert, Ihr Ehemann arbeitet daheim, und als Ihnen die Mutterrolle nicht genügte, konnten sie eine zweite Karriere starten. Sie haben Rückhalt und viele Freiheiten, die anderen Familien fehlen.

Waldman: Das verstehe ich. Absolut! Den Vorwurf kann ich nicht entkräften. Ich schrieb, ich liebe meinen Mann mehr als meine Kinder, und wären Sie mit ihm verheiratet, würden sie das wahrscheinlich auch sagen: Er ist ein großartiger Kerl! Wir hatten sehr viel Glück zusammen. Und es sagt sich leicht, dass Hausarbeit gerecht geteilt werden muss, wenn der eigene Partner eh schon bereitwillig hilft. Oder, dass eine Karriere ein guter Ausgleich sein kann, wenn man selbst einen erfüllenden Beruf gefunden hat. Das muss ich mir schon sagen lassen: Ich habe es wirklich leicht! Aber ich glaube, etwas verändert sich im Moment. Vor fünf Jahren waren sehr viele Leute wütend auf meine Texte. Heute sind sie wütend darüber, wie allgegenwärtig das Bild der perfekten Mutter ist. Doch ich muss jetzt fahren. Wir haben heute in der Schule Burrito-Tag, und ich bin dran mit dem Burrito-Austeilen.