In den USA gibt es sie noch, die Essayisten, die über Musik schreiben und das Leben meinen, die in einer Plattenkritik eine Geschichte erzählen können, und die so klug sind, dass sie ihre Gedanken nicht hinter dem notorischen Imponier- und Einschüchterungsjargon der Akademie verstecken müssen. Im deutschen Sprachraum war diese Autorengattung nie heimisch – es gab immer nur Ausnahmen wie Helmut Salzinger , Wolfgang Welt , Clara Drechsler, Kid P, Peter Glaser und noch ein paar andere –, weil die entsprechenden Publikationsmöglichkeiten hier nie existierten, allenfalls in Nischenform.

Chuck Klosterman ist nach seinem Überraschungserfolg Fargo Rock City vor einigen Jahren einer der Stars unter den zeitgenössischen amerikanischen Rockschreibern. Er lässt seine Essays in Q , Esquire , New York Times Magazine und vor allem bei seinem Leib-und-Magen-Blatt Spin drucken. Spin hat denn auch Eine zu 85% wahre Geschichte , sein erstes Buch in deutscher Übersetzung, initiiert. Klosterman sollte die Todesorte der Rockstars aufsuchen und dabei der Frage nachgehen, warum der grimme Schnitter dem Musiker fast immer zu größerem Ruhm verhilft, als sei der finale Sensenhieb zugleich eine Art Ritterschlag.

Also fährt er zum Chelsea Hotel (hier starb Nancy Spungen, die Freundin von Sid Vicious), zur Kreuzung in Macon, Georgia (hier der Bluesgitarrist Duane Allman), in die Sümpfe von Magnolia, Mississippi (Flugzeugabsturz von Lynyrd Skynyrd), schaut sich ein wenig in Graceland um; schließlich landet er in Seattle. Hier starb unter anderen Kurt Cobain, dessen Suizid zum einflussreichsten Mythos der jüngeren Rockgeschichte modelliert wurde, weshalb sich an ihm denn auch am offensichtlichsten die soziale Funktion des Todeskultes zeigen lässt.

Klosterman sieht hier einen zwingenden sozialen Einigungsprozess am Werk, der jedoch paradigmatisch stehen kann für ein grundsätzliches, nicht zuletzt popkulturelles Rezeptionsproblem: "Man redet sich ein, man würde mit anderen eine Realität teilen, die es gar nicht gibt." Deshalb schauen Menschen sich Filme an, von denen sie im Grunde wissen, dass sie sich dabei langweilen, kaufen Alben, die ihnen höchstwahrscheinlich nicht gefallen. Dahinter steckt vor allem die Angst, "alle anderen könnten über etwas Bescheid wissen", was einem selbst entgangen ist.

Solche rezeptionsästhetischen Fragen sind auch der Glutkern seines grandiosen Debüts Fargo Rock City . Er will verstehen, warum ausgerechnet der achtziger Jahre Glam Metal, diese nichtssagende, stumpfe, klischeesatte, einfach umwerfende Räuber-Musik von Bands wie Ratt, Poison, Guns N’ Roses und all den anderen, damals so "wichtig" war – und warum es heute allen so peinlich ist, dies zuzugeben.

Klosterman wächst auf in Wyndmere, North Dakota, einem öden hinterwäldlerischen 500-Seelen-Dorf, das nicht mal einen eigenen Bankautomaten besitzt. Die nächste größere Stadt heißt Fargo. Wie weltläufig es in diesem dünnbesiedelten Landstrich zugeht, weiß man spätestens seit dem gleichnamigen Film der Coen Brüder. Nachlesen kann man es nun in Nachteulen , Klostermans jüngst erschienenem Roman, in dem er das fiktive Owl porträtiert, für das sein Heimatdorf augenscheinlich Pate gestanden hat. Klosterman folgt drei Protagonisten durch ihren ganz profanen Alltag, der von so erlesener, nachgerade exotischer Trostlosigkeit ist, dass man kaum von einem normalen Leben sprechen kann.

Julia, die Neue, nimmt hier oben ihre erste Stelle als Lehrerin an, aber schon beim Willkommensgespräch mit dem Rektor verlässt sie der Mut. Ihre zwei Joints, die sie für besonders depressive Tage mitgebracht hat, halten also nicht lange vor. Aber nach vielen Gin Tonics mit ihrer neuen Freundin Naomi fasst sie Fuß, zumal auch sehr bald eintrifft, was Naomi ihr geweissagt hat. "Ich weiß nicht, wie dein Leben vorher ausgesehen hat, aber mach dich auf was gefasst – jetzt bist du Raquel Welch."

Mitch ist ein verschlossener High-School-Nerd mit viel Triebdruck und den üblichen Gewaltphantasien, in denen sein ebenso charismatischer wie despotischer Deutschlehrer John Laidlaw die Hauptrolle spielt. Dummerweise trainiert der auch die Baseballmannschaft, und dummerweise sind Mitchs Bemühungen als Quarterback nicht mit Erfolg gekrönt. Er bekommt also viel Gelegenheit, seine Fantasie spielen zu lassen.