ZEIT ONLINE: Herr Lippet, Sie sind selbst von Bekannten für die Securitate bespitzelt worden. Was sagen Sie zu den jetzt aufgetauchten IM-Berichten von Oskar Pastior , der ja offenbar auch über Freunde berichtet hat?

Johann Lippet: Wer sich mit dieser Materie beschäftigt hat, wusste, dass es nur eine Frage der Zeit sein wird, bis die IM-Berichte in einem Dossier auftauchen werden.

ZEIT ONLINE: Über Ihre eigene Akte haben Sie das Buch Das Leben einer Akte. Chronologie einer Bespitzelung geschrieben. Wie war das?

Lippet: Als ich meine Akte im Dezember 2007 einsehen konnte, die ja nicht nur IM-Berichte beinhaltet, sondern auch die Abhörprotokolle meines Telefons, setzte ein Prozess der Erinnerung ein. Im Zusammenspiel mit meinen Kollegen Richard Wagner und Horst Samson, die ja dann auch ihre Akten einsehen konnten, habe ich die Erinnerung verifiziert.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie vorgegangen?

Lippet: Man muss sich vergewissern, ob die Erinnerung einen nicht täuscht. Im Laufe dieses Prozesses habe ich angefangen, chronologisch den Inhalt der Akte, jedes Blattes, zu beschreiben. Bei bestimmten Aspekten habe ich mir Notizen gemacht, die dann die Erinnerungsarbeit waren. Indem ich den Inhalt jedes Blattes beschrieben habe, habe ich mich zur Disziplin gezwungen, zur Objektivität und habe meine Emotionen heruntergefahren. So ein Buch kann man nur schreiben, wenn man sich emotional wenig einbringt. Im emotionalen Überschwang, in Wut und Enttäuschung würde es in einer endlosen Larmoyanz enden.

ZEIT ONLINE: Am Anfang war der Grund für das Interesse der Securitate an Ihnen die Aktionsgruppe Banat. Wie war die Atmosphäre Anfang der siebziger Jahre, als Sie in Rumänien zusammen mit deutschsprachigen Schriftstellern die Gruppe gegründet haben?

Lippet: Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre herrschte eine gewisse Liberalität im Lande. Wenn man so will, eine gewisse Aufbruchsstimmung. Das war vor allem auf politische Ereignisse zurückzuführen. Rumänien war 1968 nicht an der Seite des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei einmarschiert. Das wurde natürlich nicht nur in Rumänien als eine Auflehnung gegenüber dem großen Bruder aus dem Osten, der Sowjetunion, gesehen. Von diesem Image zehrte das Regime bis zuletzt.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie bemerkt, dass sich die Securitate für Sie interessiert? Die Angst war ja wahrscheinlich schon vorher da.

Lippet: In unserem jugendlichen Elan haben wir diese Bedrohung – ich weiß gar nicht, ob man die damals schon so gesehen hat – einfach ignoriert. Wir haben gesagt, die können uns nichts. In der Bevölkerung war die Angst vor der Securitate nicht so präsent wie in späteren Jahren, wo es ja direkt eine Panik war. Man wusste, dass man auf das Interesse von diesen Leuten stoßen würde.

ZEIT ONLINE: Hat Sie jemand darauf aufmerksam gemacht, dass Sie unter Beobachtung stehen?

Lippet: Man ahnte das. Das Problem war ja, dass die Securitate unsere Texte nicht lesen konnte. Die brauchten Informanten, die das auch übersetzten. Die lieferten die Interpretation: dass unsere Literatur einen subversiven Charakter hat. Manche Informanten behaupteten sogar, dass die Gruppe an den Grundfesten der sozialistischen Gesellschaftsordnung rüttelt. Im Verständnis der Securitate waren wir deutsche Nationalisten, Faschisten, sogar Irredentisten.