Dr. Orville Ward Owen ist eine tragische Figur der Literaturgeschichte. Der Amerikaner war am 5. Oktober 1909 ins kleine walisische Chepstow am Fluss Wye gereist, um es der Welt zu beweisen: Shakespeares Dramen stammen in Wirklichkeit von Francis Bacon! Die Theorie war nicht neu. Schon im Jahr 1875 wurde sie von den ersten Baconians aufgestellt; auch Mark Twain und Henry James zählten zu deren Anhängern.

Unorthodox aber waren Owens Methoden: Einige Jahre zuvor war der Kenner elisabethanischer Literatur auf Bacons eigens entwickelte Geheimschrift und Verschlüsselungsmethoden gestoßen. Sie brachten ihn auf die Idee, Bacon könnte auch Shakespeares vermeintliche Schriften codiert haben. Um dem Philosophen auf die Spur zu kommen, nahm Owen sämtliche Werke Shakespeares unter die Lupe.

Zu Hilfe kam ihm die Technik: Owen baute ein 350 Meter langes Fließband, spannte es über zwei hölzerne Zylinder und beklebte es mit den Dramen sowie einigen Werken Bacons, Christopher Marlowes und Edmund Spensers. Er warf die Räder an, markierte Schlagwörter und diktierte angrenzende Phrasen einer Hilfskraft. Das Gerät, nach "Bacons Anweisungen" konstruiert, erhielt den Namen "The Cypher Wheel", ein Dechiffrierrad. So war das im frühen 20. Jahrhundert.

Die Wissenschaftler Erez Lieberman Aiden und Jean-Baptiste Michel der Universität Harvard teilen Dr. Owens Sinn für Effektivität und taten sich im Juli 2009 mit Google Books zusammen. Sie sammelten 500 Milliarden Wörter aus insgesamt 5.2 Millionen digitalisierten Büchern, sortierten sie chronologisch in Tabellen und stellten diese Datenbank zu Recherchezwecken frei zur Verfügung. Ihre Maschine heißt Books NGram Viewer.

Online für jeden nutzbar, erlaubt das Programm Wörter in einem Zeitraum zwischen 1500 und 2000 zu suchen und deren Häufigkeit grafisch darzustellen. Mit dem NGram Viewer könne man kulturelle und historische Trends kinderleicht darstellen, sagt  Lieberman Aiden. Wenn man bedenkt, dass Google kürzlich bekannt gab, bis 2020 alle existierenden Bücher dieser Welt digitalisiert zu haben, ist sein Enthusiasmus nachvollziehbar. Damit stünde eine Datenbank beispielloser Größe für solche quantitativen Analysen zur Verfügung.

Auch der Literaturwissenschaftler Jonathan Gottschall des Washington and Jefferson College kann sich für solche Methoden begeistern. Er will mittels statistischer Daten Objektivität und reproduzierbare Ergebnisse liefern, verifizierbare Zahlen, die bisher mehr die Natur- als die Geisteswissenschaften auszeichneten. Auf der Suche nach harten Fakten der Literaturwissenschaft lässt er seine Computer literarische Texte nach wiederkehrenden Mustern in Sprache und Stil suchen. So fand er bei der Betrachtung von Frauenfiguren heraus, dass westliche Literatur ebenso sexistisch sei wie nicht-westliche. Ganz objektiv betrachtet waren die Damen alle irgendwie gleich schön. Am vielversprechendsten werden Computer seiner Ansicht nach in der Stilometrie eingesetzt. Anhand der Besonderheiten in Sprache und Stil wird eine Art digitaler literarischer Fingerabdruck konstruiert, mit dem man zum Beispiel die Autorschaft umstrittener Texte bestimmen könnte.

Doch es gibt auch Skeptiker. Der Literaturwissenschaftler Louis Menand aus Harvard hält den NGram Viewer für ein tolles, in seiner Bedeutung jedoch überschätztes Werkzeug. Auch die Untersuchungen der Historiker Dan Cohen und Fred Gibbs der George Mason University zeigen, dass man solchen quantitativen Analysen in der Literaturwissenschaft mit Vorsicht begegnen sollte. Sie durchstöberten elektronisch jeden britischen Buchtitel des 19. Jahrhunderts nach häufigen Wörtern, um den "statistischen Zugang zum viktorianischen Geist" zu finden und stellten kürzlich ihre Ergebnisse vor.

Die Methoden ähneln denen des Dr. Owen doch sehr. Wörter werden aus Kontexten gelöst und in andere eingebunden. Datenbanken und Algorithmen sind das Owensche Fließband der neuen Literaturwissenschaft und ihre geheimen Botschaften suchen sie im Unterbewussten des Autors. Cohen und Gibbs fanden die Wörter "Arbeit", "Wissenschaft" und "industriell" und schlossen daraus, dass der gemeine Viktorianer an den Fortschritt glaubte. Eine riskante These, die weder den Bedeutungswandel noch Inhalt der Bücher ausreichend berücksichtigt.