Schreiben über Gott erfordert eine gehörige Portion Unerschrockenheit. Auf der einen Seite der mutige Blick auf ein kaltes Weltgetriebe innerhalb eines sinnlosen Universums. Auf der anderen Seite der kühne Blick auf eine unfassbar schöpferische Allmacht, in der im besten Fall dann das Antlitz des Selbst erscheint. Was ist furchterregender? Welcher Blick bedarf größerer Standhaftigkeit? Das pünktlich für die besinnlichen Tage erscheinende Buch Leben mit und ohne Gott stürzt sich jedoch munter zupackend auf das Thema und die äußerst unterschiedlichen, von Karsten Krampitz und Uwe von Seltmann sorgsam zusammengestellten Beiträge werfen ein flackerndes Licht auf die Frage aller Fragen.

Schreiben über Gott aktiviert offensichtlich die ureigensten Gedanken, und dieses Schreiben vermag in vielen Fällen im tiefsten Innern zu berühren. Über alle Gedanken hinaus ist die Lektüre einiger Texte eine wirkliche Erfahrung. Etwa Mathias Vernaldis Spiegeleien oder Donata Riggs und Karls Giebelers Erzählungen über ihre Großmütter. Wenn Caritas Führer von einem Krankenhausaufenthalt in ihrer Kindheit erzählt, oder Lea Ackermann ihre Überzeugung so kunstfertig wie einfach darlegt, ist das Literatur, weit hinaus über gefällige Worte zum Sonntag oder dem Salbader unzähliger medialer Fliegenfänger.

Auf der anderen Seite besorgt Arzu Toker beispielsweise eine erfrischend nüchterne Historisierung des frühen Islams und zeigt so vor allem seelische Verheerungen in der muslimischen Männerwelt, die sich aus den Anfängen der jüngsten monotheistischen Religion ableiten lassen. Oder Michael Schmidt-Salomon schafft einen längst fälligen Befreiungsschlag, der Theismus und Religion voneinander trennt. In seinem Aufsatz weist er nach, dass Religion keinen Gott braucht. Sie kann rein politisch, mit Vorliebe dezidiert atheistisch, eingestellt sein und sich trotzdem klerikaler Muster bedienen. Orthodoxie, aus dieser Sicht nunmehr leere Hülle, aus Ritualen der Unterdrückung, kommt dabei zu Recht schlecht weg.

Ebenfalls tief blicken lässt Tilmann Mosers Bericht aus seiner Praxis als Psychoanalytiker. Hier ist Gott vor allem eine Figur, die einen Ersatz oder eine Lücke familiärer Defizite seiner Patienten verkörpert. Dazwischen ist immer Mal wieder Platz für mehr oder weniger witzige Blödeleien (Andreas Krenzke, Markus Liske), verbissene Boshaftigkeit (Henryk M. Broder, mit Ausnahme seines Einstehens für die Religion der Baha’i), brillante Geistesblitze (Jakob Hein und Uwe von Seltmann) und auch Banalitäten (Bodo Ramelow).

Auffallend ist, dass die von Humanismus angetriebenen Atheisten durchaus einen Hang zur Predigt und zur Mission ausbilden. Getrieben vom Wunsch, die Menschheit endlich von ihrer "Geisteskrankheit" zu heilen, fahren sie mit messianischem Eifer die bekannten Evergreens des Unglaubens auf: Wenn Gott, warum das ganze Elend in der Welt? Wenn Gott, wer hat ihn denn geschaffen, wenn nicht wir Menschen? Wenn Gott, warum zeigt er sich nicht?

Hier sind die Stücke, welche den Umweg über genaue Beschreibungen von Alltagssituationen (Karsten Krampitz) nehmen, oder Gita Neumanns Beschreibung ihrer Arbeit in einem Hospiz wirkungsvoller. Der Frage nach Gott und ihrer Verneinung geht man wohl besser ohne ideologische Scheuklappen nach, was natürlich auch für die Befürworter gilt. Alles in allem liegt hier eine äußerst beredte Textsammlung über den "unausprechlichen Namen" vor, inspirierend und provozierend, kenntnisreich und gedankenschwer, durchzogen von großer, gleich zu Beginn von Hanns Dieter Hüschs Religiöser Nachricht gesetzten Menschlichkeit.

Unter Umständen ist die Frage nach Gott noch immer zu komplex – auch für unseren schon so weit entwickelten Verstand. Möglicherweise würde sowohl ein Gottesbeweis, als auch der Beweis göttlicher Abwesenheit menschliches Verhalten gar nicht so sehr beeinflussen und verändern. Wir würden nach einer solch bahnbrechenden Nachricht weiterhin im Trüben fischen, verkantet in Trieben und Reflexen. Was an den anrührendsten Texten in diesem Buch jedoch unübersehbar in Auge sticht, ist der Humor und der Hauch greifbarer, spürbarer Liebe, der sie durchweht. Damit werden sie zu wahrhaftigen Ereignissen. Aus welchem Lager diese Texte stammen? Raten Sie mal.