"Lassen Sie uns hier verschwinden!", sagt Jo Nesbø und eilt mit seiner Kaffeetasse in der Hand am verdutzten Kellner vorbei, hinaus aus der tristen Lobby des Möwenpick-Hotels in den sonnigen Braunschweiger Morgen. Er setzt seine Sonnenbrille auf und sagt: "Ich hasse solche Hotels!"

Nesbø selbst, Asket mit hoher Stirn, Dreitagebart, wirkt auf den ersten Blick wie ein Mönch in Freizeitkleidung: Jeansjacke, Kapuzenpulli, Sportschuhe. Dazu ein Lächeln, das Bände spricht. Jahrelang hatte er vor allem als Sänger der Band Di Derre in seiner norwegischen Heimat Aufsehen erregt, ehe er Mitte der neunziger Jahre, nach einem sechswöchigen Sydney-Trip, seinen ersten Krimi veröffentlichte. Inzwischen sind Jo Nesbøs acht Harry-Hole-Krimis zu Norwegens erfolgreichsten literarischen Exportartikeln avanciert.

Am 23. März 1960 wurde er als Sohn eines Lehrers und einer Bibliothekarin in Oslo geboren. Zur Literatur kam er früh: Er verschlang die Romane von Hamsun, welche die Mutter einst nach Hause brachte. Die Lektüre von Krimis dagegen überlässt er heute anderen. "Denn ich will nicht wissen, was andere schreiben, und mich nicht ablenken lassen. Denn allzu schnell läuft man dabei Gefahr, deren Ton zu übernehmen und das Eigene aus dem Blick zu verlieren."

In mehr als vierzig Sprachen sind die Thriller des norwegischen Perfektionisten bereits übersetzt, und die Liste seiner Auszeichnungen ist inzwischen länger als sein eigenes Werkverzeichnis. Der Fledermausmann lautete der Titel seines fulminanten, 1997 erschienenen Debüts. Auf Anhieb wurde es mit dem Goldenen Schlüssel als bester Krimi des Jahres ausgezeichnet. Ein Buch, das wie ein Kriminalroman funktionierte und doch weit über das Genre und seine engen Grenzen hinausging.

Nesbø brachte einen Helden ins Spiel, gegen den Wallander und Van Veeteren ziemlich alt aussehen: Harry Hole, der Bukowskis Alter Ego Hank Chinaski saufenderweise alle Ehre macht und zwischen seinen Alkoholexzessen zu einer kriminalistischen Gedankenschärfe findet, die ans Seherische grenzt. Schon im Fledermausmann zeigte Hole seine Qualitäten. Er wird nach Sydney geschickt, um den Mord an einem norwegischen Soap-Star aufzuklären.

"Harry ist ein komplizierter, höchst widersprüchlicher Charakter, dessen Leben in Trümmern liegt", sagt Nesbø. "Er hat Routine im Verlieren, und er weiß, dass es keine Siege für ihn gibt, die Bestand haben. Trotzdem lässt er sich immer wieder darauf ein, Verbrecher zu jagen. Denn tief im Innern glaubt er wohl daran, dass sich durch sein Tun da draußen etwas ändern kann."

Jo Nesbø spricht langsam und hält oft beim Reden inne. Unter der gebräunten Stirn funkeln nun, nachdem er kurz die Sonnenbrille dort hinauf geschoben hat, zwei wachsame Augen, denen nichts zu entgehen scheint. Er hat das Gesicht eines jugendlichen Träumers, wäre da nicht dieser entschlossene Zug um den Mund, der ahnen lässt, zu welcher Härte der Mann in seinen Büchern fähig ist.