Der Booker-Prize-Sieger

Julian Treslove wird im besten Midlife-Crisis-Alter auf offener Straße überfallen. Noch dazu von einer Frau und allem Anschein nach, weil er für einen Juden gehalten wird. Zum Scheitern verurteilt und zum großen Amüsement seiner beiden Freunde, dem ewigen Rivalen Sam Finkler und ihrem ehemaligen Lehrer Libor Sevcik, versucht er nun nach dem Motto "Finkler sein, oder nicht sein" der plötzlich gefundenen jüdischen Identität auf den Grund zu gehen. Howard Jacobsons The Finkler Question ist ein herrlich tragikomischer Roman, der ihm nicht nur den diesjährigen Booker Prize sondern auch den Beinamen des britischen Philip Roth bescherte. (Anna Auguscik)

Howard Jacobson: The Finkler Question . Bloomsbury, New York 2010, 320 S., 14,95 €

Gegen den Lärm

Wie viel Wahrheit kann man einem Kind zumuten? Würde man Gwenni Evans fragen, die Hauptfigur des Romans von Mari Strachan, würde diese vermutlich sagen: mehr als jedem Erwachsenen. Für die 12-Jährige ist das Dorf in Wales, in dem sie lebt, nicht klaustrophobisch. Auch die jüngsten Vorfälle – ein Mann verschwindet spurlos, ihre Mutter wird zusehends hysterischer – empfindet sie weniger bedrohlich, als das Schweigen ihrer Familie und Nachbarn. Letztlich sind es Gwennis ungerührte Fragen, die das Geflecht aus Lügen kaputt machen, das die Dorfgemeinschaft zusammenhielt. Mari Strachan erzählt die Geschichte aus Sicht des Kindes, dessen Ängste ganz anderer Art sind als die der Erwachsenen und das die realen Ereignisse mit der eigenen Vorstellungswelt vermischt. Dadurch ist Die Welt summt in b-Moll Bildungsroman, Krimi und Märchen in einem und ein guter Rückzugsort, wenn einem im Zug nach Hause Lärm und Gedränge auf die Nerven gehen. ( Jessica Braun )

Mari Strachan: Die Welt summt in b-Moll , DuMont, Köln 2009, 320 S., 19,95 €

Gewaltig komisch

Erwachsene, die Harry Potter mit Freude gelesen und die enorme Fantasie von J.K. Rowling bewundert haben, werden auch an der gewaltigen Erfindungsgabe von Jasper Fforde ihren Spaß haben. Der Brite hat in seiner Romanreihe um die Agentin Thursday Next eine Parallelwelt erschaffen, ein England des Jahres 1985, in dem Literatur einen so hohen Stellenwert hat, dass es eine Spezialpolizei gibt – den Arbeitgeber der Romanheldin. Zugleich vermischen sich in jenem England Fantasie und Wirklichkeit. So kann im ersten Band der Serie, Der Fall Jane Eyre , Nexts Gegenspieler die englische Regierung damit erpressen, dass er Jane Eyre aus dem gleichnamigen Roman von Charlotte Brontë entführt. Klingt schräg? Ist es auch. Und unglaublich unterhaltsam, spannend und komisch. Die Thursday-Next-Serie ist ein ideales Geschenk für jemanden, der ein Faible für britische Literatur hat, Agentenstorys mag und Humor à la Monty Python und Douglas Adams schätzt. ( Matthias Breitinger )

Jasper Fforde: Der Fall Jane Eyre . Aus dem Englischen von Lorenz Stern. DTV, München 2007, 384 S., 8,95 €

Für die Freiheit

Moritz Freiherr Knigge und Michael Schellberg erinnern in herausfordernder Weise daran, dass zur Freiheit eine gewisse aufrechte Haltung des einzelnen gehört, der ja all zu gerne so frei ist, sich pessimistisch aus allem zurückzuziehen – weil die erträumten Genüsse ihn noch nicht erreicht haben, vermutlich auch nie erreichen werden. Es scheint also gar nicht so einfach, die Freiheit, die wir entgegen aller Aussagen der Gehirnforschung ja wohl doch haben, verantwortungsvoll einzusetzen. Dass dies aber dringend notwendig ist, für ein friedvolleres, würdevolleres und nachhaltigeres Dasein, daran gemahnt Mit Rückgrat steht man besser ebenso wohltuend wie eindringlich. (Martin Brinkmann)

Moritz Freiherr Knigge, Michael Schellberg: Mit Rückgrat steht man besser. Die Welt, das Leben und was mich das alles angeht . Lübbe Verlag, Köln 2010, 352 S., 19,99 €

Unsaniertes vom Apfelkuchentycoon

Berlin-Mitte, laut Christian Kracht der schrecklichste Ort der Welt, war nicht immer bevölkert von schlecht angezogenen Touristen und Weißbier trinkenden Studenten. Es war noch in den neunziger Jahren ein unsanierter Projektionsraum unartikulierter Sehnsüchte. Wer nicht dabei war, kann das jetzt nachlesen: Im magischen Kabinett des selbsternannten Möbelmagnaten, Originalgenies und Apfelkuchentycoons Rafael Horzon, dem Weissen Buch . Es erzählt in dahin geworfenen Bildern vom erotisierenden Kreiseltanz im Club Pelham, einer Neuen Wirklichkeit und der Erfolgsgeschichte eines Sperrholzregals. Und somit von einer Zeit, die im nun kernsanierten Berlin-Mitte bald vergessen sein wird. (Ruben Donsbach)

Rafael Horzon: Das weisse Buch . Suhrkamp, Berlin 2010, 218 S., 15 €