Der Booker-Prize-Sieger

Julian Treslove wird im besten Midlife-Crisis-Alter auf offener Straße überfallen. Noch dazu von einer Frau und allem Anschein nach, weil er für einen Juden gehalten wird. Zum Scheitern verurteilt und zum großen Amüsement seiner beiden Freunde, dem ewigen Rivalen Sam Finkler und ihrem ehemaligen Lehrer Libor Sevcik, versucht er nun nach dem Motto "Finkler sein, oder nicht sein" der plötzlich gefundenen jüdischen Identität auf den Grund zu gehen. Howard Jacobsons The Finkler Question ist ein herrlich tragikomischer Roman, der ihm nicht nur den diesjährigen Booker Prize sondern auch den Beinamen des britischen Philip Roth bescherte. (Anna Auguscik)

Howard Jacobson: The Finkler Question . Bloomsbury, New York 2010, 320 S., 14,95 €

Gegen den Lärm

Wie viel Wahrheit kann man einem Kind zumuten? Würde man Gwenni Evans fragen, die Hauptfigur des Romans von Mari Strachan, würde diese vermutlich sagen: mehr als jedem Erwachsenen. Für die 12-Jährige ist das Dorf in Wales, in dem sie lebt, nicht klaustrophobisch. Auch die jüngsten Vorfälle – ein Mann verschwindet spurlos, ihre Mutter wird zusehends hysterischer – empfindet sie weniger bedrohlich, als das Schweigen ihrer Familie und Nachbarn. Letztlich sind es Gwennis ungerührte Fragen, die das Geflecht aus Lügen kaputt machen, das die Dorfgemeinschaft zusammenhielt. Mari Strachan erzählt die Geschichte aus Sicht des Kindes, dessen Ängste ganz anderer Art sind als die der Erwachsenen und das die realen Ereignisse mit der eigenen Vorstellungswelt vermischt. Dadurch ist Die Welt summt in b-Moll Bildungsroman, Krimi und Märchen in einem und ein guter Rückzugsort, wenn einem im Zug nach Hause Lärm und Gedränge auf die Nerven gehen. ( Jessica Braun )

Mari Strachan: Die Welt summt in b-Moll , DuMont, Köln 2009, 320 S., 19,95 €

Gewaltig komisch

Erwachsene, die Harry Potter mit Freude gelesen und die enorme Fantasie von J.K. Rowling bewundert haben, werden auch an der gewaltigen Erfindungsgabe von Jasper Fforde ihren Spaß haben. Der Brite hat in seiner Romanreihe um die Agentin Thursday Next eine Parallelwelt erschaffen, ein England des Jahres 1985, in dem Literatur einen so hohen Stellenwert hat, dass es eine Spezialpolizei gibt – den Arbeitgeber der Romanheldin. Zugleich vermischen sich in jenem England Fantasie und Wirklichkeit. So kann im ersten Band der Serie, Der Fall Jane Eyre , Nexts Gegenspieler die englische Regierung damit erpressen, dass er Jane Eyre aus dem gleichnamigen Roman von Charlotte Brontë entführt. Klingt schräg? Ist es auch. Und unglaublich unterhaltsam, spannend und komisch. Die Thursday-Next-Serie ist ein ideales Geschenk für jemanden, der ein Faible für britische Literatur hat, Agentenstorys mag und Humor à la Monty Python und Douglas Adams schätzt. ( Matthias Breitinger )

Jasper Fforde: Der Fall Jane Eyre . Aus dem Englischen von Lorenz Stern. DTV, München 2007, 384 S., 8,95 €

Für die Freiheit

Moritz Freiherr Knigge und Michael Schellberg erinnern in herausfordernder Weise daran, dass zur Freiheit eine gewisse aufrechte Haltung des einzelnen gehört, der ja all zu gerne so frei ist, sich pessimistisch aus allem zurückzuziehen – weil die erträumten Genüsse ihn noch nicht erreicht haben, vermutlich auch nie erreichen werden. Es scheint also gar nicht so einfach, die Freiheit, die wir entgegen aller Aussagen der Gehirnforschung ja wohl doch haben, verantwortungsvoll einzusetzen. Dass dies aber dringend notwendig ist, für ein friedvolleres, würdevolleres und nachhaltigeres Dasein, daran gemahnt Mit Rückgrat steht man besser ebenso wohltuend wie eindringlich. (Martin Brinkmann)

Moritz Freiherr Knigge, Michael Schellberg: Mit Rückgrat steht man besser. Die Welt, das Leben und was mich das alles angeht . Lübbe Verlag, Köln 2010, 352 S., 19,99 €

Unsaniertes vom Apfelkuchentycoon

Berlin-Mitte, laut Christian Kracht der schrecklichste Ort der Welt, war nicht immer bevölkert von schlecht angezogenen Touristen und Weißbier trinkenden Studenten. Es war noch in den neunziger Jahren ein unsanierter Projektionsraum unartikulierter Sehnsüchte. Wer nicht dabei war, kann das jetzt nachlesen: Im magischen Kabinett des selbsternannten Möbelmagnaten, Originalgenies und Apfelkuchentycoons Rafael Horzon, dem Weissen Buch . Es erzählt in dahin geworfenen Bildern vom erotisierenden Kreiseltanz im Club Pelham, einer Neuen Wirklichkeit und der Erfolgsgeschichte eines Sperrholzregals. Und somit von einer Zeit, die im nun kernsanierten Berlin-Mitte bald vergessen sein wird. (Ruben Donsbach)

Rafael Horzon: Das weisse Buch . Suhrkamp, Berlin 2010, 218 S., 15 €

Tipps von Daniel Erk, Philip Faigle, Marcus Gatzke und Tina Groll

Der geklaute Lada

Tschick von Wolfgang Herrndorf ist der beste deutschsprachige Roman des Jahres. Er handelt von Maik und Tschick, zwei pubertären Jungs, die in den großen Ferien mit einem geklauten Lada von Berlin aus in die Walachei fahren wollen, ohne Landkarte und auch sonst ohne Plan. Wolfgang Herrndorf gelingt eigentlich alles: Die Sprache ist schnörkellos, glaubhaft und voller Liebe zum Detail; die Handlung ist so abenteuerlich, aber durchtränkt von Wahrhaftigkeit, wie man es fast nur noch aus amerikanischen Romanen kennt; die Stimmung ist wahnsinnig melancholisch, aber gerade darin komisch – und die Protagonisten muss man mögen, nicht trotz, sondern wegen ihrer Macken. Dazwischen packt Herrndorf Heine-Zitate und Der-Fänger-im-Roggen-Referenzen. Und kleine Weisheiten: Wichtig ist nicht, ob man ankommt, sondern dass man losfährt. ( Daniel Erk )

Wolfgang Herrndorf: Tschick . Rowohlt, Berlin 2010, 254 S., 16,95 €

Brillanter Kitsch

Wer an Weihnachten etwas Schönes lesen will, dem sei Alles, was du brauchst der schottischen Autorin A.L. Kennedy aus dem Jahr 2003 empfohlen. Der Roman versammelt auf den ersten Blick eine Reihe von Klischees: Der Schriftsteller Nathan Staples, der vereinsamt auf einer Insel lebt und seiner Frau nachweint, die ihn vor Jahren verlassen und die einzige Tochter mitgenommen hat. Eben diese Tochter Mary, schön und klug, die später beim Vater in die Lehre geht, weil sie Romanautorin werden will, nichts ahnend, dass der neue Mentor ihr Vater ist. Ein gewaltiger Kitsch, schon klar, aber so brillant geschrieben! Da werden die Figuren gestreichelt und gepeinigt und bekommen hin und wieder ein Quäntchen Glück. Freilich nur, um kurz darauf wieder von den Beinen geholt zu werden. ( Philip Faigle )

A.L. Kennedy: Alles, was du brauchst . Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2002, 573 S., 29,50 €

Warum Goldman Sachs bleibt

Die USA sind keine Demokratie, sondern eine Oligarchie der Großbanken. Ihren politischen Einfluss gewinnen sie durch ihre wirtschaftliche Macht und diesen Einfluss nutzen sie, um ihre Macht stetig zu mehren. 13 Bankers beschreibt auf eindrückliche Weise, wie die Finanzindustrie in den vergangenen 30 Jahren zum reichsten Wirtschaftszweig in der amerikanischen Geschichte und zum mächtigsten Kraft in Washington wurde. Der einzige Ausweg nach Ansicht der Autoren Kwak und Johnson: Die Großbanken zerschlagen – notfalls durch eine vorübergehende Verstaatlichung. Aber schon als das Buch erschien, haben die beiden Ökonomen geahnt, dass das nicht gelingen wird. Die Macht der Wall Street ist einfach zu groß: " Politicians may come and go, but Goldman Sachs remains. " Meiner Meinung nach eines der wichtigsten Bücher zur Finanzkrise. ( Marcus Gatzke )

Simon Johnson, James Kwak: 13 Bankers. The Wall Street Takeover and the Next Financial Meltdown . Pantheon 2010, 320 S., 16,95 €

Grusel-Clowns

Las Vegas, Hochsicherheitsgefängnis, ein Psychiater und eine Gefangene: Sie ist Agentin einer Geheimorganisation, und ihre Abteilung heißt Bad Monkeys . Sie beseitigt die besonders hoffnungslosen Fälle mit einer Waffe, die mit Herzinfarkt oder Schlaganfall tötet: Von Kinderschändern, Kofferbombern und Kriminellen hat Jane Charlotte die Welt befreit. Und jetzt geht es um den wichtigsten Auftrag: ihren eigenen Bruder, der quicklebendig das Böse dieser Welt anweist. Ist Jane Charlotte eine psychotische Irre oder gibt es die Organisation wirklich? Schon nach wenigen Seiten weiß der Leser nicht mehr, was wirklich und was wirklich ersponnen ist. Eine verblüffende, wahn- und wortwitzige Story mit einer sexistisch-chauvinistischen Romanheldin, die sich Knaben als "Schoßjungchen" hält, mit "Grusel-Clowns" kooperiert. Der Roman Bad Monkeys des amerikanischen Schriftstellers Matt Ruff ist genau das Richtige, um an den allzu besinnlichen Feiertagen eine Reise in eine entrückte, verrückte Parallelwelt zu unternehmen. ( Tina Groll )

Matt Ruff: Bad Monkeys . Hanser Verlag, München 2008, 251 S., 19,90 €

Tipps von Kirsten Haake, Anne Haeming, Andrea Hünniger und David Hugendick

Im Paris der Literaten

Die Schwarzen Fahnen von Paris ist ein Buch für diejenigen, die die Stadt mögen, auch oder sogar an trüben Tagen. Jene, die unbeschwert von einem touristischen Pflichtenheft durch die Straßen streifen können. Der erste der Streifzüge in die Vergangenheit folgt Dichter und Dandy Charles Baudelaire. Die Spaziergänge Fuests sind zwar chronologisch geordnet, es geht ihm aber nicht darum, lexikalisches Wissen zu verbreiten. Meist ist Fuest bekannteren Schriftstellern gefolgt: Walter Benjamin, natürlich. Rilke, Kracauer, Sartre, Cioran. Aber weil es ihm auch darum geht, den "Feind, das um sich greifende Vergessen", zu bekämpfen, finden sich einige weniger bekannte Literaten, die Zeichen gesetzt haben und für die die "schwarzen Fahnen" aus dem Buchtitel wehen. Literaturwissenschaftler könnten monieren, dass ihnen in diesem Büchlein zu vieles bereits bekannt ist, die einzelnen Kapitel sind knapp. Der literarische Tourist wäre für detaillierte Hinweise auf Straßen und Orte dankbar gewesen. Der Buchliebhaber freut sich über schöne Sprache und grafische Gestaltung, liebevoll ausgesuchte schwarz-weiß Fotos und ein ausführliches Literaturverzeichnis. ( Kirsten Haake )

Leonard Fuest: Die schwarzen Fahnen von Paris . Corso Verlag, Hamburg 2010, 112 S., 19,90 €

Der Klugscheißer nach dem Terror

Und auf einmal rutschen die Buchstaben zusammen. Immer weiter, Zeile für Zeile, Seite für Seite, bis alles nur noch bleischwarz ist. Sprache implodiert regelrecht in Jonathan Safran Foers zweitem Roman Extrem laut und unglaublich nah . Indem der New Yorker Schriftsteller Buchstaben derart ihrer Funktion beraubt, collagenartig Fotografien einbaut, schafft er es, abzubilden, was nicht in Worte zu fassen ist: den Horror von 9/11. Aber trotz des schweren Stoffs ist der Roman alles andere als schwergängig: Erzählt wird die Post-Terror-Story hauptsächlich aus der Perspektive des neunjährigen Klugscheißers Oskar Schell, der seinen Vater bei den Anschlägen aufs World Trade Center verloren hat und sich auf eine relativ verrückte Reise durch die Stadt macht. Wie Foer den kindlichen Tonfall trifft und es gleichzeitig schafft, unaussprechlichen Horror von New York über Dresden bis zu Hiroshima zu erzählen, ist große Klasse. Und lustig und fürchterlich zugleich. (Anne Haeming)

Jonathan Safran Foer: Extrem laut und unglaublich nah . S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, 480 S., 9,95 €

Der einsame Cowboy

Wenn es jemals einen Popstar unter den Schriftstellern gab, dann war das Peter Handke. Er saß in Talkshows, provozierte dort auch, produzierte fabrikmäßig die verrücktesten und schönsten Texte und Gedichte. Plötzlich war die Aufstellung des 1. FC Nürnbergs Lyrik, und die Angst des Torwarts beim Elfmeter bewegte inzwischen jeden Literaturkritiker. Und dann geschieht etwas, was als Popstar beinahe undenkbar ist: Peter Handke verwandelt sich in einen alten Mann und in einen ganz anderen Schriftsteller mit gleich heftiger Wirkung. Handke wird zum einsamen Cowboy wie die brummenden Wüstenhelden aus einem John Ford-Western. Er wirkt dabei noch immer, auch mit 70 Jahren, wie ein Suchender. Sein Biograf Malte Herwig, der sich gerade seiner Bewunderung wegen besonders tief in das Leben des alten Meisters hineingegraben hat und jeden Handke-Zug, auch die zweifelhafteren, recherchiert und aufgeschrieben hat, erzählt von einem Schriftsteller, dessen Fehlen man sich nur vorstellen muss, um zu begreifen, was Peter Handke für die Deutsche Literatur ist: ein Licht. (Andrea Hanna Hünniger)

Malte Herwig: Meister der Dämmerung. Peter Handke. Eine Biographie. Deutsche Verlagsanstalt, München 2010, 368 S., 22,99 €

Verwegene Soziologie

Empfehlen, empfehlen, jaja. Aber was nur? Vielleicht Henning Ritters Notizhefte ! Seine an- und aufregenden Gedanken über die Geistesgeschichte sind wahrlich zum Staunen. Ein Glücksfall dieses Jahres. Oder wie wäre es mit Lukas Meschik? Ein noch sehr junger Mann aus Wien, dessen Buch den passenden Namen zur Jahreszeit trägt: Anleitung zum Fest . Meschiks Erzählungen sind reife, schwungvolle Miniaturen aus der Großstadt. Ein Autor, dem man viele Leser wünscht. Doch besser zu jenen enthüllungsreichen Tagen passt die Sammlung Diven, Hacker, Spekulanten . Ein verwegenes Vorhaben, aber grandios gelungen: In 40 Porträts knöpft sich dieses Buch das Personal vor, das Talkshows und Nachrichten bevölkert. Ein unverzichtbarer Begleiter. Man braucht allerdings Geduld, um sich durchs Dickicht des Soziologenjargons zu schlagen. Soviel Muße sollten die stillen Weihnachtstage aber bieten. Hiernach ist der Blick wieder scharf gestellt, die Ohren sind noch spitzer, wenn es wieder laut wird da draußen. ( David Hugendick )

Stephan Moebius, Markus Schroer (Hrsg.): Diven, Hacker, Spekulanten – Sozialfiguren der Gegenwart . Suhrkamp, Berlin 2010, 462 S., 16 €

Tipps von Wenke Husmann, Fokke Joel, Elisabeth Knoblauch und Stefan Mesch

Panoramen in Pastell

Ist es frevelhaft, ein Buch allein aufgrund seiner Farben zu empfehlen? Nicht, wenn es um die neue Faksimile-Reihe des Carlsen-Verlags geht. Seit 2009 bringt der die wahrlich berühmte Tim-und-Struppi-Reihe auch in Deutschland wieder als Hardcover heraus. 15 sind bislang erschienen, die restlichen sollen folgen. Das ist nicht selbstverständlich, gelten Comics in Deutschland doch als bildungszerstörend. Doch was hier jahrzehntelang nicht mehr zu haben war, bekommen wir nun umso schöner editiert. Von 1941 an schickte Hergé seinen alterslosen Reporter samt Hund in Farbe um die Welt. Die Abenteuer wurden nun als genaue Reproduktion der Originalalben wieder zu Papier und zwischen zwei feste Deckel gebracht, gehalten von einem leinenen Rücken. Und als ob das nicht schön genug wäre, sind in jedem Band noch mehrere ganzseitige Panels zwischen gesetzt – Panoramen in Pastell. Ach ja, es lohnt sich auch, die Geschichten noch einmal zu lesen. Oder vorzulesen, wenn man die Alben an Kinder verschenkt, was unbedingt als Beitrag zu ihrer literarischen Bildung zu verstehen ist. ( Wenke Husmann )

Hergé: Tim und Struppi . Carlsen, Hamburg, bisher erschienen Band 1 bis 15, 17,90 €

Migration und Witz

Da klingeln die Warnglocken: Das Sexleben eines Islamisten in Paris . Kann das ein gutes Buch sein? Andererseits verspricht der Titel in seiner provokanten Schlüpfrigkeit etwas Witziges. Und so ist es auch. Der Held und Erzähler des Romans, Mohamed Ben Mokhtar, ist eine Art postislamistischer Stadtneurotiker. Er wohnt noch bei seiner Mutter und sein Sexleben hat rein fiktiven Charakter. Eine Wohnung in Paris soll da Abhilfe schaffen. Dort will er vor dem lodernden Kaminfeuer eine Frau nach der anderen vernaschen. Versteht sich, dass das nicht gut geht. Aber Leïla Marouanes tragikomischer Held wächst einem ans Herz, während gleichzeitig das ganze Elend der Migration deutlich wird. (Fokke Joel)

Leïla Marouane: Das Sexleben eines Islamisten in Paris , Edition Nautilus 2010, 220 Seiten, 18,95 €

Eine betörende Szenerie

Eine Liebesgeschichte. Eine unmögliche. Sommerferien, ein Ort an der deutschen Ostseeküste in den sechziger, vielleicht siebziger Jahren. Ein 18-jähriger Schüler verliebt sich in seine wenig ältere Englischlehrerin. Doch kurz nachdem sich die Protagonisten nähergekommen sind, stirbt die Lehrerin bei einem Unfall. Der Schüler bleibt allein zurück mit seinen Gefühlen und der großen Frage "Was wäre gewesen, wenn?" Siegfried Lenz betört mit seiner Schweigeminute aus dem Jahre 2008. In wenigen Strichen zeichnet er die Szenerie. Das Meer, den Strand, das Hotel, in dem die Lehrerin wohnt. Und umhüllt die Geschichte mit einer zärtlichen, fast altertümlichen Sprache. (Elisabeth Knoblauch)

Siegfried Lenz: Schweigeminute. Hoffmann und Campe, Hamburg 2008, 128 S., 15,95 €

Die Welt verstehen

Was sind BRIC-Staaten? Was geschah in Darfur? Wem gehört die Arktis? Seit 2003 veröffentlicht die französische Monatszeitschrift Le Monde Diplomatique kurze, klug recherchierte Grundlagentexte zu Wirtschaft, Krieg und Krise: Der Atlas der Globalisierung ist ein Gemeinschaftskunde-Reader für Erwachsene, faktensatt, überraschend und angenehm differenziert. Globalisierung ist hier kein linker Kampfbegriff – sondern ein (toll visualisiertes) Netz aus Interessen, Konflikten und ihren weltweiten Folgen. Pflichtlektüre! (Stefan Mesch)

Le Monde Diplomatique (Hrsg.): Atlas der Globalisierung. Sehen und verstehen, was die Welt bewegt . taz Verlag, Paris/Berlin 2010, 216 S., 13 €
 

Tipps von Adrian Pohr, Steffen Richter, Christina Rietz und Ulrich Rüdenauer

Zum Festtagsbraten

Wollen Sie den Heiligen Abend beschaulich verbringen oder mit etwas Wirbel? Im letzteren Falle sei empfohlen, Jonathan Safran Foers Tiere essen einem nahen (und Ihrer Ansicht nach besonders fleischhungrigem) Verwandten unter den Baum zu legen. In diesem emotionalen, aber unmissionarischen Sachbuch beleuchtet der Autor die Fleischindustrie und all jenes, was wir gerne beim täglichen Konsum verdrängen. Dass Tiere in der Massentierhaltung schwer leiden müssen. Dass sie überzüchtet und mit Medikamenten vollgestopft werden. Dass erhebliche gesundheitliche Risiken und die Gefahr von Pandemien durch die Massentierhaltung bestehen. Dass globalisierter, ökonomisierter Fleischkonsum sehr klimaschädlich und umweltfeindlich ist. Allein das Thema heizt jede Runde an. Weil Vegetarier sich nur allzu gerne moralisch überlegen fühlen, und Fleischesser gerne ihre Vorliebe verfolgen würden ohne schlechtes Gewissen – und daher hart verteidigen. So könnte das Gespräch über den Truthahn dieses Weihnachten etwas anders ausfallen als bislang. Veränderung ist ja nicht immer schlecht. ( Adrian Pohr )

Jonathan Safran Foer: Tiere essen . Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010, 400 S., 19,95 €

Für englische Stunden

Man muss kein Pferdefreund sein, um die Bücher von Dick Francis zu mögen. Wer seine Romane liest, befindet sich in einer Welt, die immer irgendwie mit Pferderennen und Wetten zu tun hat – und langweilt sich dabei doch nie. Seine zahlreichen Bücher sind eigentlich Krimis, aber das ist nur ein kleiner Teil dessen, was sie ausmacht. Es sind seine kenntnisreichen und detaillierten Zeichnungen unterschiedlicher, vor allem ländlicher Milieus in Großbritannien, die die Atmosphäre bestimmen. Francis' Helden quälen sich mit sehr lebensnahen Problemen wie Beziehungsstress, Alkoholismus oder Arbeitssuche. Aus einer scheinbar intakten Gesellschaft treten im Verlauf seiner Geschichten intrigante Verwicklungen an die Oberfläche, bis hin zu Mord und Totschlag. Seine Ich-Erzähler stolpern ahnungslose in diese Fälle hinein und können sie – immer herrlich lakonisch erzählt – am Ende doch auflösen. Wenn auch meist mit vielen persönlichen Opfern verbunden. Dick Francis ist im Februar diesen Jahres mit 89 Jahren gestorben. Ein guter Anlass, seine Romane mal wieder zu lesen. Für ein paar sehr englische Weihnachtsabende. ( Steffen Richter )

Dick Francis: Sporen . Aus dem Englischen von Malte Krutsch, Diogenes, Zürich 2007, 379 S., 9,90 €

Besser als Socken!

"Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun." Das klingt schon ziemlich blöd. Es wird aber noch blöder, denn später im Gedicht kommt ein Architekt vorbei, der dem Lattenzaun den Zwischenraum wegnimmt. Damit hat der Zaun ein echtes Problem und Christian Morgenstern eine Lanze, äh Latte gebrochen für seine Gedichtsammlung Galgenlieder . Dieser höhere Blödsinn ist jetzt gut hundert Jahre alt, dennoch gibt’s kaum was, das lustiger wäre. Der Zaun wird nämlich begleitet von einem Mondschaf, das im Morgengrauen auf ungeklärte Weise verstirbt – und dann waren da noch der Schlittschuh fahrende Seufzer, das einsame Knie… Ein absolut sinnloses Geschenk, diese Galgenlieder, aber das sind Socken ja zum Beispiel auch und über die kann man nicht mal lachen! (Christina Rietz)

Christian Morgenstern: Galgenlieder , Reclam, Leipzig 1986, 171 S., 4,40 €

Ein Schmuckstück

In Fritz Rudolf Fries’ Roman Der Weg nach Oobliadooh aus dem Jahr 1966 ist Jazz nicht nur ein wichtiges Thema. Auch in Form und Sprache soll die Musik hörbar gemacht werden. Im neuen, gerade entstehenden Roman von Fries spielt Jazz ebenfalls eine gewichtige Rolle – ein Auszug daraus ist nun in einem wunderschön gestalteten Büchlein aus dem Ulrich Keicher Verlag zu lesen. Eingeleitet wird Das grüne Auge des Jazz von einem Essay des Literaturkritikers Helmut Böttiger, der den fast vergessenen und verfemten Fries vorstellt. Das Besondere dieses mit großer Liebe hergestellten Bändchens aber ist ein vom Autor in den fünfziger Jahren gefertigtes Album mit 16 farbigen Collagen, die seine Leidenschaft für den Jazz auf anrührende Weise dokumentieren. Ein bibliophiles Schmuckstück. (Ulrich Rüdenauer)

Helmut Böttiger, Fritz Rudolf Fries: Das grüne Auge des Jazz . Verlag Ulrich Keicher. Warmbronn 2010, 40 S., 15 €

Tipps von Frank Schäfer, Michael Schlieben, Susanne Schmetkamp und Christoph Schröder

Gespräche mit Waits

Tom Waits beweist sich einmal mehr als großer Stegreifrhetoriker, der für alles eine witzige Anekdote parat hat. Dass er aber auch flott das Register wechseln und den bloßen Stoff durch eine kluge, stupend gebildete Reflexion abstrahieren kann. Er weiß zudem so kreativ mit den alten abgerockten Floskeln und Formeln zu spielen, dass hinter dem Format des Interviews zugleich auch immer wieder seine Dekonstruktion lauert. Als ihn der Musician fragt, ob er jungen Musikern irgendwelche Ratschläge geben könne, meint er lapidar: "Schmeißt Fenster ein, raucht Zigarren, und bleibt lange auf. Sagt ihnen, dass sie das machen sollen, und sie finden einen kleinen Topf voller Gold." (Frank Schäfer)

Mac Montandon (Hg.): Tom Waits. Der Geschichtenerzähler . Kartaus, Regensburg 2010. 328 S., 22 €

Schuldig sind alle

Tage der Toten ist eines dieser Bücher, in denen man bis zwei Uhr nachts liest, obwohl man früh aufstehen muss. Es gibt Szenen, dass man sich kerzengerade im Bett aufrichtet. Es geht um den Drogenkrieg an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Insgesamt 29 Jahre, von 1975 bis 2004. Ein atemloses Epos. Die Figuren sind allesamt Anti-Helden: Ob der zynische Drogenfahnder Art Keller oder der traurige New Yorker Killer Callan, ob die kluge Edelhure Nora oder natürlich die Barrera-Brüder, die den Kokain-Handel revolutionieren. Alle machen sich schuldig. Es wimmelt nur so von Cliffhangern und überraschenden Wendungen. Nebenbei lernt man ziemlich viel über Mittel- und Lateinamerika. Denn nicht nur die Drogenclans kämpfen um Einfluss. Auch kommunistische Rebellengruppen, die katholische Kirche, korrupte Politiker und nicht zuletzt die USA. Jeder verbündet sich mal mit jedem, was nicht gut gehen kann. ( Michael Schlieben )

Don Winslow: Tage der Toten . Aus dem Englischen von Chris Hirte. Suhrkamp, Berlin 2010, 689 S., 14,95 €

Tier oder nicht Tier

Zu den zentralen Themen dieses Sommers zählte dank Jonathan Safran Foers Buch Tiere essen der Vegetarismus . Wer an Foers Langzeitreportage Freude hatte, für den empfiehlt sich auch die rund zehn Jahre vorher erschienene Novelle des Literaturnobelpreisträgers J.M. Coetzee Das Leben der Tiere . Anders als bei Foer geht es weniger um Fakten als um Gefühle und moralische Begründungen, verpackt in eine ergreifende Erzählung mit Coetzees Lieblingsfigur Elisabeth Costello. Diese greift in einer Rede über Massentierhaltung zu drastischen Vergleichen: "Rings um uns herrscht ein System der Entwürdigung, der Grausamkeit und des Tötens, das sich mit allem messen kann, wozu das Dritte Reich fähig war." Dabei geht es nicht darum, zu relativieren, sondern eine Analogie zwischen einer Kultur des Wegsehens damals und heute herzustellen. Wie Foers Anklage ist auch die von Coetzee ausgesprochen philosophisch. Ein fesselndes, unbedingt lesenswertes Buch. (Susanne Schmetkamp)  

J. M Coetzee: Das Leben der Tiere . S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2000, 93 S., 10 €

Ein wuchtiges Leseerlebnis

Mitte zwanzig ist Lennart, als er als Lehrer in die fernab gelegene schwedische Kleinstadt Sandvika versetzt wird. Das Ungeheuerliche an Klaus Böldls Roman Der nächtliche Lehrer : Lennart wird in Sandvika bleiben. Für immer. Er wird eine Frau finden und wieder verlieren; er wird ein Buch über die Einsamkeit schreiben und sich damit endgültig zum Außenseiter machen. Wahre Erkenntnis ereignet sich eben stets hinter oder neben dem, was man Wirklichkeit oder Zivilisation nennt. So feinjustiert ist Böldls Sprache, so durchdacht erscheint jedes Wort, jede Farbe, jeder Geruch, dass dieser schmale Roman zu einem wuchtigen Leseerlebnis wird. Es wird Zeit, dass man in Klaus Böldl endlich das erkennt, was er ist – ein fabelhafter Autor. (Christoph Schröder)

Klaus Böldl: Der nächtliche Lehrer . S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010, 126 Seiten, 16,95 €

Tipps von Carolin Ströbele, Johannes Thumfart, Rabea Weihser und Insa Wilke

Wie Lynch als Roman

Seltsame Wesen tauchen auf im sommerlichen Idyll einer süddeutschen Nachkriegssiedlung: der Mann ohne Gesicht mit seinem weißen Mullverband, der Fehlharmoniker, der auf seinem Akkordeons so gekonnt disharmonisch spielt, dass es seinen Zuhörern ganz unheimlich wird. Georg Klein schreibt, wie David Lynch filmt: Aus den alltäglichsten Situation bricht unvermutet das Surreale hervor. In Roman unserer Kindheit perfektioniert er das Spiel zwischen Nüchternheit und Mystik. Sein Ton changiert kunstvoll zwischen dem etwas geschraubten Deutsch der frühen sechziger Jahre und einer fast schon dadaistischen Fantasiesprache. Der Leser folgt einer Gruppe von Kindern, die ihre Sommerferien als Abenteuerurlaub zwischen Teppichklopfern, Schrebergärten und den Geheimnissen der Erwachsenenwelt erleben. Gehorsam, als sei man von einer unsichtbaren Hand gezogen, folgt man ihnen durch das unterirdische Labyrinth, das sie entdecken. Und fürchtet sich genau wie sie vor dem, was sie am Ende des Tunnels erwartet. ( Carolin Ströbele )

Georg Klein: Roman unserer Kindheit . Rowohlt, Reinbek 2010, 448 S., 22,95 €

Kung Fu Panda und Kopftuchstreit

Zu Weihnachten empfehle ich Living in the End Times von Slavoj Zizek. Kein Autor passt besser zum Fest als der slowenische Rauschebart. Auch sein neues Buch ist wie gemacht für die dunkle Jahreszeit. Es beschreibt das Ende des Kapitalismus in den schaurigsten Tönen. Von dieser politischen Agenda mag man halten, was man will. Unstrittig ist: Zizek erklärt die Welt belesen und pointenreich wie derzeit kein zweiter. In seinem berüchtigten Hyper-Feuilletonismus führt er den Leser durch Kant, Hegel, Kung Fu Panda, Kopftuchstreit und postmoderne Architektur. Wer die Gegenwart verstehen will, muss Zizek lesen. Und das am Besten, bevor die deutsche Übersetzung wie immer viel zu spät erscheint. (Johannes Thumfart)

Slavo Zizek: Living in the End Times , Verso 2010, 432 S., 20,95 €

Sport für Schwafler

Wir nehmen Bücher zur Hand, um Schönes zu lesen. Und im besten Fall bringen sie uns dazu, schöner zu schreiben. Thomas Steinfeld, Leiter des SZ -Feuilletons, hat so ein Buch verfasst: den Sprachverführer . Es versammelt die Revolutionäre, die Großmeister, die Schwafler, die einsamen Stilisten der deutschen Sprachgeschichte und erklärt anhand ihrer Schriften und Reden, wie sie ihre Zeit geprägt haben. Was Luther, Goethe, Herder Neues brachten, warum Kafka den Spannungsbogen raushatte, wie ungeschickt Grass erzählt, wie Josef Ackermann seine Phrasen aufbläht. Wenn Steinfeld vorführt, wie wir unsere Verben beugen und strecken und wie Satzgefüge die Balance halten, zeigt sich selbst die schwerfällige deutsche Grammatik von ihrer sportlichen Seite. ( Rabea Weihser )

Thomas Steinfeld: Der Sprachverführer. Die deutsche Sprache: Was sie ist, was sie kann . Hanser Verlag, München 2010, 272 S., 17,90 €

Das Kind und der alte Mann

Eines der schönsten Bücher der Saison haben Monika Helfer und Michael Köhlmeier zusammen geschrieben: Rosie und der Urgroßvater . Jeden Mittwoch radelt die kleine Rosie über den East River zu ihrem jüdischen Urgroßvater und entlockt ihm Geschichten aus seiner Kindheit in Hohenems/Österreich. Wie das gewitzte Kind und der störrische alte Mann sich gegenseitig austricksen und über die Untiefen der Familiengeschichte hinweg erzählend am Leben erhalten, erwärmt das Herz. Unbedingt für kleine UND große Leser. (Insa Wilke)

Monika Helfer, Michael Köhlmeier: Rosie und der Urgroßvater . Hanser Verlag, München 2010, 144 S., 14,90 €