Als Wolfgang Schömel 2002 mit seinen tragikomischen Kurzgeschichten Die Schnecke erfolgreich debütierte, war er bereits fünfzig Jahre alt. Rasch folgten sein sprachgewaltiger Roman Ohne Maria (2004), die Geschichte eines Seelendramas, einer "heroischen Depression" und die Erzählungssammlung Die Reinheit des Augenblicks (2007). Schömel arbeitet als Literaturreferent der Hamburger Kulturbehörde. Sein aktueller Roman Die große Verschwendung ist eine bitterböse Gesellschaftssatire erster Güte.

ZEIT ONLINE: Herr Schömel, besuchen Sie eigentlich gerne klassische Konzerte?

Wolfgang Schömel: Früher häufiger, heute selten. Ich höre überhaupt nur noch wenig Musik. Mein Gehirn und mein Gemüt haben selten Raum dafür. Manchmal ist mir das peinlich, und ich fühle mich wie ein halber Mensch.

ZEIT ONLINE: Werden Sie Hamburgs Elbphilharmonie besuchen, wenn sie fertig ist?

Schömel: Selbstverständlich werde ich mich da hineinsetzen. Irgendwann werden ja auch alle ganz stolz auf den Gebäudeklotz sein, und die Fehlplanungen werden vergessen sein. Bei Sonnenlicht sieht die Philharmonie, besonders von Weitem, übrigens recht spektakulär aus.

ZEIT ONLINE: Ihr neues Buch Die große Verschwendung handelt von einem kommunalpolitischen Projekt am Rande des Größenwahns. Mit der "maritimen Oper", die da angeblich in Bremen geplant wird, spielen Sie auf die Geschehnisse um die Elbphilharmonie an, oder?

Schömel: Ich habe nichts dagegen, wenn jemand Parallelen zieht, auch nicht zu eventkulturellen Projekten anderer Art, Vergnügungspark Nürburgring, Spacepark in Bremen und so weiter, und wie das ganze schreckliche Zeug heißt. Lieber wäre mir allerdings, wenn man die Anspielungen auf die politische und geistige Kultur insgesamt erkennen würde.

ZEIT ONLINE: Ihr Held, Senator Glabrecht, verheddert sich sowohl in einer politischen als auch in einer erotischen Affäre. Ist ihr Roman eher ein Buch über einen zynischen Politbetrieb oder über eine verunglückte Liebesgeschichte?

Schömel: Beides ist wichtig. Ich neige sowieso dazu, mich viel zu viel mit den wichtigsten Dingen zu beschäftigen. Der Politbetrieb war schon immer tendenziell zynisch, er kann gar nicht anders sein. Neu ist die Mediokrität der Spieler, die mit der allgemeinen Charakterdiktatur korrespondiert. Deren Herrschaft können wir allenthalben ab den mittleren Führungsebenen aufwärts besichtigen. Dass das in der Politik so ist, daran ist eher der Wind schuld, der aus der Wirtschaft herüber weht, aus dem Marketing, aus dem Beratungsunwesen. Die Unterhaltungsindustrie kommt dazu. Georg Glabrecht ist ein Wortgläubiger, wenn man so will, ein religiöser Mensch. Er erhofft sich Erlösung von den Worten, und in diesem Sinn ist er ein Künstler, ein Literat. Solch ein armer Mensch kann in der Politik nichts als scheitern. Auch in dem, was sich Liebe oder Glück nennt, scheitert so einer.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen von der "mimetischen Arschkriecherei", die Voraussetzung dafür sei, dass man überhaupt Karriere mache. Sehen Sie das als Grund für das Aussterben von echten Typen in Politik und Kultur?

Schömel: Mein Held spricht davon, nicht ich. Ich lasse ihn allerdings sprechen. Ich bin seiner Meinung in diesem Fall. Die charakterliche Anpasserei beherrscht das Wirtschaftsleben und die Politik. Besonders widerlich ist die epidemische Nachäfferei der Sprachvergewaltigungen aus der Marketingindustrie und den Zentralen der politisch und feministisch korrekten Gesinnungsinquisition. Ein Mensch mit Charakter kann da nur noch in Ausnahmefällen nach oben kommen. Und wenn die Leute glauben, da sei endlich mal, wie durch ein Wunder, ein von der ganzen Kriecherei unbehelligter, ein Originalcharakter nach oben gekommen, erweist gerade der sich fatalerweise als der Oberkommandeur der Karrierebetrüger.

ZEIT ONLINE: Große Mühe geben Sie sich, um die Marketingsprache zu entlarven. Warum hat sie eine solche Macht?

Schömel: Ich bin ratlos, ich weiß es nicht. Es ist zum Verrücktwerden.