Bankenpleiten. Menschenschlangen vor Kreditinstituten. Börsenhändler, denen das Entsetzen ins Gesicht gemeißelt ist. Die Finanzkrise war nicht mehr zu leugnen. Im September des Jahres 2008 bebte die Welt. Das Ereignis ist eine perfekte Vorlage für Autoren: Geiz und Habgier auf der einen Seite. Auf der anderen Ohnmacht und Angst. Die Wirklichkeit braucht bloß beschrieben zu werden. Doch deutsche Schriftsteller tun sich schwer damit.

Schwerer jedenfalls als US-amerikanische Autoren. Tom Wolfe oder Don DeLillo beschrieben detailreich die Mechanismen der Krise, und das Jahre vor Ausbruch des Desasters. De Lillo zeigt in Cosmopolis bis in die sprachliche Ebene hinein die psychisch-moralische Zerrüttung des Eric Packer. In nur einem Tag verliert er sein gesamtes Vermögen mit Währungsspekulationen gegen den Yen. Der im Jahr 2003 erschienene Roman war ebenso erfolgreich wie Wolfes Ein ganzer Kerl . Darin erzählt er opulent und ausschweifend die Geschichte von Charlie Crocker und dessen absurden Finanzgebilde, mit denen er sein Immobilienimperium zu retten versucht. Solche irren Konstrukte waren es, die später ein wichtiger Auslöser der Finanzkrise wurden.

Derart umfassende Erklärungsversuche sind in der deutschsprachigen Literatur kaum zu finden. Aus den wenigen Veröffentlichungen der jüngsten Zeit ragt der Roman Das war ich nicht von Kristof Magnusson hervor. Er schildert leichtfüßig den Börsenhandel mit Optionen, als erkläre er einem Kind, wie es die Schnürsenkel seiner Schuhe binden soll. Der Protagonist Jasper Lüdemann kommt von Bochum nach Chicago, um für eine Investmentbank zu arbeiten. Er will einem Kollegen aus der Patsche helfen, der versehentlich Wertpapiere verkaufte statt sie zu kaufen. Den entstandenen Verlust will Lüdemann durch ebenso riskante wie verbotene Geschäfte ausgleichen. Die geraten ihm außer Kontrolle; der Bank beschert er die Pleite. Magnusson gelang ein Zeitporträt, das neben ökonomischen Einsichten auch herzhaftes Lachen hervorruft.

Für die literarische Inszenierung von Bankern, Unternehmern oder Arbeitslosen benötigen Autoren Fachwissen. Magnusson etwa ließ sich von Experten ausführlich jene Geschäfte erklären, die er beschreibt. Und dennoch: Gemeinhin gelten ökonomische Kenntnisse noch immer als eine Art Insiderwissen. Die Welt der Wirtschaft ist für die meisten Menschen undurchschaubar. Auch für Autoren. Der Literaturwissenschaftler Peter von Matt hat für diesen Befund die eingängige Formel vom "Informationsnotstand" geprägt. Noch treffender ist der Begriff "Informationsunlust". Schließlich existieren unzählige Bücher, die in klarer und einfacher Sprache Licht ins Dunkel bringen. Doch die Berührungsängste sind groß.

Selbst wenn sie überwunden werden, kann noch einiges schief gehen. Wie viele Manuskripte mögen wohl in den Schreibtischschubladen oder auf Festplatten ein geheimes Dasein fristen? In sein jüngstes Buch Meine Lieblingsflops hat Hans Magnus Enzensberger zum Beispiel sein Romanfragment Kindergeld aufgenommen. Die Protagonisten, eine Clique Jugendlicher, verschwenden Geld, sind geizig oder spekulieren. Enzensberger wollte die Welt des Geldes erklären. Doch er scheiterte: "Das Thema erwies sich als derart gargantuanisch, dass kein erzählerisches Vehikel ein solches Übermaß tragen konnte."

Literaturwissenschaftler interessiert durchaus die Frage, warum amerikanische Autoren häufig eine höhere Affinität zu ökonomischen Themen haben. Bislang allerdings legte keiner eine entsprechende Vergleichsstudie vor. Gründe für das augenfällige Missverhältnis bleiben damit mehr oder weniger spekulativ. Ein plausibles Argument beschäftigt sich mit der unterschiedlichen, historisch gewachsenen Verfasstheit der Wirtschaftssysteme: Hierzulande genießt ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts finanziellen Schutz gegen Risiken wie Krankheit, Unfall oder Alter; über die Sozialversicherungen.

In den Vereinigten Staaten gab es keine vergleichbare Entwicklung. Entsprechend hoch ist der Widerstand, der Präsident Barack Obama momentan bei der Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung entgegenschlägt. Letztlich ist in den USA jeder Bürger noch immer weitgehend selbst verantwortlich Vorsorge zu treffen. Damit rücken wirtschaftliche Überlegungen zwangsläufig in den Fokus des Einzelnen.