Verwegen war es schon, was Klabund, dieser geniale Schnellstdichter, ehedem geschrieben hat. Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde hieß das schwungvolle Büchlein, das der tuberkulosebedingt unter Lebenszeitnot leidende Autor vor knapp einem Jahrhundert veröffentlichte. Doch sein Buch sollte erst der Auftakt sein zu weiteren Geschwindigkeitsrekorden anderer Autoren. Heute stehen in Buchläden unzählige Versuche, die literarischen Verhältnisse möglichst zeitsparend zu ordnen. Als Workout zwischendurch gegen geistige Problemzonen. Von der kurzen bis zur kürzesten Literaturgeschichte, von Goethe für Gestresste bis Schopenhauer für Schusselige wird verknappt und beschleunigt, bis die Schwarten krachen.

Die Chicagoer Studenten Alexander Aciman und Emmett Rensin setzen nun noch eins drauf. Der giftgrüne Einband ihres Buchs verspricht: Weltliteratur in 140 Zeichen . Das klingt geradezu frech, und schon ihr Vorwort strotzt vor fröhlicher Hybris: "Kurz gesagt – und das meinen wir wörtlich – haben wir unserer Generation die Erlösung verschafft, nämlich eine neue, revolutionäre Art, die größte aller Künste anzugehen und zu begreifen." Siebzig Werke haben sie sich vorgenommen und formatgerecht aufs Wesentliche zusammengeschnurrt. In wenigen Tweets erzählen sie sich durch den ehrfurchtgebietenden Kanon, vor dem heute weltweit Gymnasiasten strammstehen: Dante, Shakespeare, Gogol , Stendhal, Kafka, Euripides , Proust, Goethe , Mann, Twain und so weiter. Weltliteratur in allerletzter Ableitung.

Ob das gut geht? Erstaunlicherweise ja. Ihre humorvollen Breviers lassen eine gute Werkkenntnis vermuten, mit der sie Stoff und Personal kommentieren. Etwa Dostojewskis Schuld und Sühne : "Schlimm, dieses Studentenleben. Ein Haufen Arbeit, schäbige Bude, und ich hab den hässlichsten Hut auf dieser Seite des Urals." Nächster Tweet: "Ich hab's. Anstatt Geld von meinem Freund anzunehmen, werde ich kaltblütig eine alte Pfandleiherin ermorden. Warum? Sag ich nicht." Schließlich liefern sie gar eine neue Interpretation: "Vielleicht hat es mit diesem Turgenjew zu tun und damit, dass Nihilismus so angesagt ist. Aber ich sag nichts." Dagegen sieht manches ehrwürdige Literaturlexikon doch etwas dürrenmatt aus.

Leichthin ließe sich dieses Buch für eine Unverschämtheit halten, eine Beklopptheit naseweiser Studenten, die nicht wissen, worüber sie hier reden. Das Schöne ist aber: Sie wissen es. Dem erwartbaren Gestöhn vom Untergang der Kultur greifen sie sogleich mit einer ironischen Widmung vor, nämlich für alle "Opfer der R.M.S. Titanic". Im Appendix erläutern die zwei Autoren die wichtigsten Begriffe ihres Netzjargons, damit auch der Letzte versteht, was Anna Karenina mit LOL meint oder die Sonderzeichen des jungen Werther bedeuten, wenn dieser schaudernd zusammenfasst: "Sagte ich schon, wie erschüttert ich bin? Ich bin sehr erschüttert. #Schmerz #Angst #Leid #Sexdep".

Hinter ihren satirischen Verdichtungen, all den OMGs und @s und anderen technokratischen Kürzeln sind tatsächlich Liebhaber der Literatur am Werk. Der Spaß, den sich Aciman und Rensin hier erlauben, ist umso erfrischender, da sie ihn nicht in den Dienst eines verbissenen Kulturkampfes stellen. Obschon sie manchen Romanhelden munter in die digitale Gegenwart schießen, wie beispielsweise Kafkas Gregor Samsa: "Hab mich offenbar in einen großen Käfer verwandelt. Ist das einem von euch schon mal passiert? NetDoktor.de ist keine Hilfe." Wer wissen will, wie es wirklich war, dem bleibt auch nach Twitteratur bloß das Original.