ZEIT ONLINE: Herr Setz, Sie haben den Leipziger Buchpreis gewonnen. In manchen Kommentaren dazu fiel sogar das Wort Genie.

Clemens J. Setz: Wirklich? Sicher ist das lobend gemeint. Vielleicht hat das auch mit dem Alter zu tun, weswegen manche dann "hochbegabt" sagen. Ich glaube an den Begriff des Genies nicht.

ZEIT ONLINE: Warum?

Setz: Er ärgert mich. Nicht nur, wenn er auf mich angewandt wird. Weil damit immer etwas verschwiegen wird, es nämlich eine ganz signifikante und unsichtbare Kette von Zufällen, Einflüssen und Konstellationen geben muss, damit so etwas wie Erfolg passiert. Das wird dann meistens so abgekürzt mit: Genie! So ähnlich wie man Gott für Katastrophen verantwortlich macht. Das ist eine Nichterklärung. Peter Handke hat, glaube ich, mal gesagt, Genie sei ein obszöner Begriff. Ganz soweit würde ich nicht gehen, aber ich weiß vielleicht, was er meint.

ZEIT ONLINE: Ist Peter Handke ein großer Einfluss?

Setz: Er ist eine Orientierung für alle deutschsprachigen Schriftsteller. Egal, ob man ihn ablehnt oder als stilistischen Meister betrachtet. Es gibt in seinem Werk unglaublich viel. Man kann Sachen entdecken, die einen atemlos machen. Manches ist mir aber auch völlig fremd und ärgert mich eher. Es ist schwer in Handkes Werk nicht etwas zu finden, das einen umhaut.

ZEIT ONLINE: In Ihren Erzählungen haut es oft die Protagonisten um, in verschiedener Hinsicht. Trotz ihres Humors sind das doch sehr traurige Geschichten.

Setz: Manche sind traurig und ausweglos, aber so ist es ja auch in der Welt und im Leben oft. Doch ich lasse den Leser nicht mit dieser Erkenntnis allein. Zumindest versuche ich das. Es wäre sonst unfair, eine sinnlose Strafe dafür, dass jemand mein Buch aufgeschlagen hat. Das hat kein Leser verdient. Ich finde meine Geschichten durchaus hoffnungsvoll und hell und freundlich. Auch zum Lachen.

ZEIT ONLINE: Ein zentrales Motiv Ihrer Geschichten ist die Vereinsamung der Figuren. Wie viel Kritik an unserer Zeit steckt darin?

Setz: Vereinsamung ist ein Zeichen einer schon ziemlich langen Zeit. Zumindest haben wir ein Vokabular für Einsamkeit entwickelt. Heute vergleichen Arbeitskollegen untereinander, welche Fernsehsendung oder Pornowebsite besser ist. Das ist eigentlich eine Unterhaltung über Einsamkeit, aber es wirkt nicht so. Es gibt einen Diskurs, der das weglässt oder auch erleichtert. Dieses sammelkartenartige Vergleichen von Dingen kann ja auch Trost spenden. Man schämt sich heute nicht mehr für seine Einsamkeit. Abweichung ist nicht mehr so ein Verhängnis.

ZEIT ONLINE: Wie gehen Sie mit Einsamkeit um?