Mit der offiziellen Sexualaufklärung stand es nicht zum Besten in den sechziger Jahren. Verdruckst, puritanisch, schlicht von vorgestern waren die diversen volkspädagogischen Handreichungen, so ganz und gar nicht freizügig. Aber dann kam Günter Amendt und gab den Pubertierenden 1970 Sex Front an die Hand, eine signalgelbe Fibel, die sich wirklich mal an den realen Phänomen und Problemen im Geschlechtsleben der Teenies orientierte und praktische Aufklärungsarbeit betrieb. Er nahm die bürgerlichen Anstandsregeln aufs Korn, entlarvte die Greuelmärchen und Schutzbehauptungen und lieferte detailgenaue, mit hübschen Fotos illustrierte Handlungsanweisungen.

Nicht umsonst erschien das Buch in Jörg Schröders pornografisch einschlägigem März Verlag. Sex Front führte den Krampf handelsüblicher Aufklärungsschriften in bester Satiretradition vor, indem er ihn abbildete. Amendt scheute keine derbe Zote und schon gar nicht die Pointe. Dazu schuf er didaktisch geschickt mit witzigen Fotogeschichten, Cartoons, Grafiken und Werbeplakat-Parodien eine entspannte und eben humorvolle Atmosphäre. Das Buch war ein Segen für die unberatene Jugend in den Siebzigern und hat sich nicht umsonst über 400.000-mal verkauft.

Der unausgesprochene Hintergedanke dieses für die damalige Zeit angenehm theoriefernen Manifests stammt von Wilhelm Reich. Reich zufolge sei die sexuelle Befreiung selbst schon ein revolutionärer Akt und müsse im Grunde einer gesellschaftlichen Umwälzung vorausgehen. Solche Thesen hörte man gern innerhalb der Studentenbewegung. Amendt stammte aus ihrer vordersten Reihe, war "einer von 2000 Chefideologen" des SDS. Mit dieser Selbstcharakterisierung begegnete er vor Gericht dem Vorwurf der Rädelsführerschaft. Als Agitator und Organisator unter anderem der Anti-Springer-Demonstrationen in den Tagen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke hatte man ihn gemeinsam mit anderen Genossen des Landfriedensbruchs angeklagt. Und es wäre womöglich zu einer Verurteilung gekommen, wenn ihn die Regierung von Willy Brandt nicht vorher amnestiert hätte.

In den Siebzigern, mittlerweile zum Dr. phil. promoviert, wurde er Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und diversifizierte bald darauf sein wissenschaftliches Interesse. In mehreren Büchern, unzähligen Aufsätzen und Rundfunkfeatures beschäftigte er sich nun mit den sozialen und politischen Begleitumständen vom Umgang mit Rauschmitteln. So analysierte er die ökonomischen Voraussetzungen des Drogenhandels ( Sucht. Profit. Sucht , 1972), beschrieb die Szenen in Zürich, Mexiko und New York und skizzierte in No Drugs – No Future (2003) die längst nicht eingelösten Leitlinien einer vernünftigen Drogenpolitik, die der Maxime folgen sollte: " Just say know! " Er verstand sich auch auf diesem Feld stets als Aufklärer, der weder einer Dämonisierung noch einer Mystifizierung das Wort redete.

In den späten Siebzigern lernte er Bob Dylan kennen und begleitete ihn auf dessen katastrophaler Deutschlandtour. Amendt war Dylan-Anhänger der ersten Stunde, seit seinem zweijährigen Studienaufenthalt in Berkeley Mitte der sechziger Jahre, konnte aber die "Dylanologen" nur leise belächeln. Seine wohlwollende, aber unhagiografische Beschäftigung mit dem Meister schlug sich ebenfalls in drei Büchern nieder.

Zuletzt reizte ihn "das armselige Niveau, auf dem die drogenpolitische Debatte heute geführt wird, und die Ahnungslosigkeit, mit der eine neue Generation von Politikern und Auftragsforschern die längst gescheiterte Drogenpolitik noch immer rechtfertigt", sein eigenes "Erfahrungswissen ins Spiel" zu bringen. Die Legende vom LSD (2008) wurde wohl auch deshalb eines seiner persönlichsten Bücher, das sich nicht zuletzt als teilnahmsvolle Desillusionierungsgeschichte der sechziger Jahre lesen lässt. Günter Amendt, der seine Homosexualität nie verschwiegen, aber die flamboyante Inszenierung stets abgelehnt hat, starb am vergangenen Sonntag mit 71 Jahren infolge eines schweren Autounfalls. Der Unfallverursacher soll unter Drogeneinfluss gestanden haben.