ZEIT ONLINE: Herr Severgnini, in Ihrem aktuellen Buch schreiben Sie, das italienische Volk nehme die Politik ihres Landes wie "von einem anderen Planeten" wahr. Wie ist das zu erklären?

Beppe Severgnini: Man versteht Silvio Berlusconi nicht, wenn man Italien nicht versteht, und man versteht Italien nicht, wenn man Berlusconi nicht versteht. Es ist ein kleines bisschen Berlusconi in allen Italienern. Er vergibt uns die Sünden, die wir noch nicht begangen haben. Eine echte Führungspersönlichkeit muss aber den Mut haben unpopulär zu sein. Berlusconi ist nicht so ein Premierminister. Er orientiert sich vielmehr immer an den Umfragewerten. Er wird der italienischen Öffentlichkeit immer erzählen, was sie hören will. Er will geliebt werden. Er hat ein nahezu pathologisches Verlangen danach.  Man bräuchte einen Psychologen, um dieser Frage auf den Grund gehen zu können, aber es erklärt viel über sein Verhalten.

ZEIT ONLINE: Berlusconi hat alle möglichen Skandale bisher mehr oder weniger erfolgreich abwehren können, vom Geburtstagsbesuch bei der 18-jährigen Noemi Letizia über die zweifelhaften Partys in seiner Villa in Sardinien oder dem Palazzo in Rom. Ist der " Rubygate"-Skandal ein anderer?

Severgnini: Die Partys in Berlusconis Villa sind in keiner Weise zweifelhaft. Die Indizien sprechen klar dafür, dass es sich dabei um Feierlichkeiten handelte, die sich für den Premierminister einer großen Demokratie nicht gehören. Das ist keine Kleinigkeit, denn ein Ministerpräsident hat auch eine Vorbildfunktion. Aber der Skandal mit dem Mädchen Ruby ist aus zwei Gründen anders als die bisherigen.

ZEIT ONLINE: Warum?

Severgnini: Erstens war sie zum Zeitpunkt minderjährig. Das bedeutet, auf Berlusconi lastet die Anschuldigung der Prostitution einer Minderjährigen. Der zweite Grund ist der, das diesmal drei weitere Personen aus seinem Umkreis der Beihilfe zur Prostitution beschuldigt werden, nämlich der Chefredakteur seines Nachrichtensenders TG4, Emilio Fede, der Showgirl-Manager Lele Mora und die Politikerin Nicole Minetti. Das ist neu und schockierend. Außerdem zeigt sich langsam, dass es sich bei diesen jungen Mädchen um eine regelmäßige Vergnügung für Berlusconi handelt.

ZEIT ONLINE: Wieso wird die Kritik jetzt lauter und selbst die Kirche distanziert sich diesmal von Berlusconi?

Severgnini: Dazu muss man verstehen, dass die italienische Politik durch eine sehr starke Gruppenzugehörigkeiten bestimmt ist. Mitte-rechts-Wähler, also Berlusconi-Anhänger, hassen die Linke so sehr, dass sie alles Schlechte einfach verdrängen. Bei einem Teil dieser Menschen hat Berlusconi durch diesen Skandal sicherlich eine Schamgrenze überschritten und wohl auch einen Teil seiner Wählerschaft eingebüßt. Aber es gibt noch eine zweite Grenze, die der Abscheu. Im Moment befindet er sich in einem Niemandsland zwischen diesen beiden Grenzen. Wir werden sehen, wie es sich in den nächsten Monaten entwickelt.