Man kommt einfach nicht von ihm los: Auf der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Herbst war es der Alte höchstselbst, Helmut Kohl, der, im Rollstuhl sitzend, einen gespenstischen Auftritt hatte. Nun, in diesem Frühjahr, steht ein anderer Kohl an der Spitze der Sachbuch-Bestsellerliste: Walter Kohl, der ältere der beiden Söhne des ehemaligen Bundeskanzlers. Mit seinem Buch Leben oder gelebt werden war er geradezu omnipräsent auf der Leipziger Buchmesse: auf dem Blauen Sofa in der Glashalle wie auch in der sogenannten Autorenarena der Leipziger Volkszeitung . Er sprach überall in erschreckend gleichförmigen Sätzen immer wieder von "Heilung", "Versöhnung" oder "Lösung". Zum Vater hat er keinen Kontakt mehr. Das System Kohl, sagt Walter Kohl, sei in der Politik wie in der Familie bestimmend gewesen: Entweder man sei drin oder man sei draußen. Er ist draußen und froh darüber.

Das Schöne an der Leipziger Buchmesse ist, dass es jedes Jahr so ist wie immer. Man läuft durch die Gänge, trifft Verlagsmenschen, die, anders als in Frankfurt, nicht dringend zum nächsten Termin müssen, sondern Zeit haben, trifft auf halbwegs gelöste Autoren, und wenn man Glück hat, scheint sogar die Sonne durch das mächtige Glasdach.

Aber ein bisschen anders als sonst war es 2011; nicht nur, weil es regnete. Die Anspannung angesichts der atomaren Katastrophe in Japan prägte bereits den Eröffnungsabend im Gewandhaus. Der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung trug anstatt einer Rede einen Text von Christa Wolf vor. Die folgende, zweifellos brillante Rede von Laudatorin Sibylle Lewitscharoff wirkte in ihrer aufgekratzten Heiterkeit beinahe deplatziert. Allerdings war das nicht die Schuld der Rednerin. Auch im Journalistencafé war es vielleicht einen Tick ruhiger als sonst, konzentrierten sich doch einige Augenpaare auf den ständig laufenden Fernsehschirm, auf die apokalyptischen Bilder der wasserwerfenden Hubschrauber über dem AKW Fukushima.

Es gibt allerdings Phänomene, die nichts erschüttern kann. Die Massen von Manga-Kindern beispielsweise, die Jahr für Jahr die Messe überfluten; junge Mädchen, zumeist mit grotesk ausgestellten sekundären Geschlechtsmerkmalen in ihren den japanischen Comics entliehenen Kostümen. Man fragt sich ernsthaft, ob die Eltern nicht ab und an doch mal nachgucken, in welchem Aufzug ihre Kinder morgens so das Haus verlassen.

Auch nicht neu sind die jährlich steigenden Besucherzahlen. Wie die Messeleitung das hinbekommt, ist ein Rätsel – die Halbzeitbilanz jedenfalls weist nach den ersten beiden Tagen einen Anstieg auf 62.000 Besucher aus (2010 waren es 61.000), und es wäre kaum verwunderlich, wenn auch die Rekordzahl von 156.000 Besuchern aus dem Vorjahr am Sonntag Abend wieder übertroffen werden würde.

Das Gute an Leipzig und seiner Buchmesse: Es ist tatsächlich Platz und Aufmerksamkeit für jeden. Die August von Goethe-Verlagsgruppe ist eine von jener Sorte, die ihren Autoren eine so genannte Kostenbeteiligung abverlangt. Konkret: Man wird für sein Buch nicht bezahlt, sondern muss bezahlen, damit es gedruckt wird. Am Stand des Verlages ist ein kleines Stehpult aufgebaut, an dem die Autoren im Stundentakt aus ihren Werken vorlesen. Und selbst hier bleiben Menschen interessiert stehen, wenn eine ältere Dame aus ihren Kriegserinnerungen vorliest: Kinder, die auf Schlitten die Bombentrichter herunterrodelten – wenn sie denn einen Schlitten hatten. Für jeden etwas dabei.